Author Topic: Der Tod des alten Admirals  (Read 14928 times)

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Offline Hagen Stein

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Re: Der Tod des alten Admirals
« Reply #15 on: December 25, 2008, 08:55:27 »
    Die Cyclone fiel mit einem widerwilligen Rütteln aus dem Warptunnel zurück in den Normalraum. Geschickt kompensierte Will den heftigen Geschwindigkeitsabfall, der sich anfüllte als ob man aus vollem Lauf in eine Wand aus Wasser lief, durch einen wohldosierten Schub mit den Triebwerken. Gleichzeitig richtete er die Nase des Minmatar Cruiser auf das zwölf Kilometer entfernte Stargate aus. Beides geschah so beiläufig, das ein uneingeweihter Beobachter vermutlich nichts davon wahrnahm. In Wirklichkeit zeigte aber gerade dieses vermeintlich banale Manöver Wills Können als Pilot und Navigator. Das Ende eines Warpsprungs glich, trotz aller moderner Technik, immer noch eher einer Vollbremsung denn einem sachten Übergang zwischen den Phasen. Auch die Tatsache das es Will gelungen war, die Sprungkoordinaten so zu berechnen, daß sie nur zwölf Kilometer von dem Stargate entfernt aus dem Warp fielen, anstatt der üblichen circa 15 Kilometer, zeugte von Wills intuitivem Verständnis von Navigation.
    "Bring uns bis auf Null ans Tor ran, Will, und stoppe dann die Maschinen."
    "Aye, aye, Sir", quittierte Will Hagens Anweisung. "Wir hätten uns noch einen Satz WTZ-BMs von Ela besorgen sollen", seufzte er, "aber man kann nicht an alles denken."
    Hagen lächelte und gab ihm in Gedanken recht. Sich aus den Beständen der Fed Navy bedienen zu dürfen, war dem Plündern einer Schatzkiste gleichgekommen. Wer hat schon Augen für kunstvolle, kleine Tuscheskizzen, wenn ihn Gold und Edelsteine anglitzern. Später stellt sich dann heraus, das dieses unscheinbare Stück Papier mehr wert gewesen wäre, als alles Gold und Edelsteine, die man mitgenommen hatte. Trotzdem, für das vor ihnen liegende Abenteuer waren ein paar aussagekräftige Argumente in Form von Autocannons nicht zu verachten.
    Hagen stemmte sich aus seinem Kommandantensessel empor und wandte sich in Richtung Schott zu ihrem Aufenthaltsraum.
    "Mädels, Männer. Kriegsrat."
    Dawn folgte Hagens Crew in den Aufenthaltsraum, der auch als Speisesaal diente. Sie wartete ab, bis jeder seinen Platz eingenommen hatte und setzte sich dann auf einen der freien Stühle. Will aktivierte das in den Tisch eingelassene Holodisplay und projezierte eine Sternenkarte dieses und der umliegenden Sonnensysteme darauf, während LI schweigend die Becher der versammelten Mannschaft mit Kaffee oder Tee füllte. Fragend hob er beide Kannen in Dawns Richtung, die ihm mit einem Nicken in Richtung Kaffeekanne antwortete.
    "Also gut, bis hierher war es ein gemütlicher, ereignisloser Betriebsausflug durch den HighSec", eröffnete Hagen die informelle Sitzung. "Das wird sich nun vermutlich ändern. Wir befinden uns hier." Er deutete auf die Karte. "In Assiettes. Das Gate direkt vor uns führt uns in den LowSec. Bis zu unserem Zielsystem, Naguton, haben wir acht Jumps Low Sec vor uns. Die ersten vier Systeme auf unserem Weg, Goinard, Allipes, Aetree und Esmes, sind noch Hoheitsgebiet der Gallente Federation. Danach müssen wir durch Basan, Shajarleg und Sahda nach Naguton, unserem Reiseziel. Ab Basan befinden wir uns auf dem Boden des Kaiserreichs Ammar." Hagen verzog verächtlich seine Lippen. "Meine ganz speziellen Freunde", fügte er bissig hinzu.
    Dawn wollte eine Frage stellen, einen warnender Blick und ein kaum wahrnehmbares Kopfschütteln Wills hielt sie aber davon ab. Sahsa hatte die stumme Kommunikation zwischen den Beiden wahrgenommen und beugte sich zu Dawn hinüber.
    "Lange Geschichte, ich erkläre es Dir, wenn wir alleine sind", raunte sie ihr ins Ohr.
    Dawn nickt unmerklich.
    "Wir werden es also zunächst vornehmlich mit Serpentis zu tun bekommen", fuhr Hagen fort. "Das sollte kein Problem für uns darstellen. Angriffen mit thermalen und kinetischen Waffen können unsere Schilde gut standhalten. LI, Frage Hardener, aktive oder passive?"
    "Hmm ...", brummte LI und schob sich die speckige Mütze ins Genick. "Für die Serps aktive, würde ich sagen. Serps sind nicht dafür bekannt NOS oder Neutz einzusetzen."
    Dawn runzelte fragend die Stirn.
    "Mit NOS meint der bärtige Griesgram 'Nosferatu'-Module. Damit entziehst Du dem gegnerischen Capacitor Energie und führst ihn deinem eigenen Schiff zu", sprang Sahsa mit einer Erklärung ein. "Das is' echt tierisch-"
    "Biestig", korrigierte Will.
    Sahsa funkelte ihn zornig an. "Echt tierisch", fuhr sie fort. "Ist Dein Cap - also Deine Capacitor - erst mal ausgelaugt-"
    "Leergesaugt ..."
    "Willst Du ihr's erklären, Mister Obermeier, oder kann ich fertig machen?", fauchte Sascha Will wütend an.
    "Schon gut, schon gut." Will hob beschwichtigend die Hände. "Ich sage ja schon nichts mehr."
    "Also, ist Dein Cap erst mal zu niedrig", umschiffte Sascha geschickt die sprachliche Hürde, "schaltet sich alles aus: Shield Booster, AB, MWD. Und eben auch Hardener, wenn's aktive sind. Und dann, mein Schatz, sitzde ruckzuck im Pod." Sahsa grinste breit. "Neutz sind Energy Destabilizer oder auch Neutralizer, Neutz genannt. Noch 'ne Nummer krasser. Die Dinger saugen den Cap nicht zum eigenen Schiff, sondern machen den Gegner nur leer. Was so gar nicht wie 'ne Wumme aussieht, kann Dein Untergang sein. Ich habe schon Domis rumfliegen sehn, die wo keine einzige Knarre gefittet hatten. Nur Neutz und NOS. Da kriegste nicht ein Modul ans Rennen. Den Rest haben denen ihre Drohnen erledigt."
    Dawn nickte zum Dank für die Erklärung. Sie kannte natürlich Nosferatus und Energy Destabilizer aus ihren unzähligen Simulationen. Aber diese Abkürzungen waren ihr bisher nicht geläufig gewesen. 'Das kommt wohl davon, wenn man ausschließlich mit Computern über Schiffsausstattungen kommuniziert, nicht mit Menschen', dachte sie.
    "Danke für die Erklärung, Sascha. OK, weiter LI", bat Hagen.
    "Aktive Hardener also für die Serps. Die Bloods - Blood Raiders - ", fügte er hinzu, als er wieder einen fragenden Blick Dawns wahrnahm, "sind eine andere Nummer. Diese Teufel haben sich auf EM und Thermal spezialisiert. EM alleine ist schon eine Pest für unsere Schilde. Aber die NOSsen auch ganz gerne mal. Daher auf jeden Fall passive Hardener. Und wenn es nach mir geht, auch einen Shield Extender anstatt des Shield Booster."
    "OK, Du bist der Boss. Das bedeutet also umfitten. Will?"
    Will studierte die Karte. "Hier, wir haben Glück." Er tippte auf ein System auf der Kartenprojektion, welches daraufhin herauszoomte. "Esmes, das letzte System der Gallente Federation. Dort gibt es eine Station, Esmes IV - Moon 2, CONCORD Treasury. Dort können wir umfitten."
    "OK, klingt gut. Jetzt laßt uns erst mal etwas ordentliches Essen. Wer weiß wann wir das nächste Mal dazu kommen werden. Und anschließend zwei Stunden ob in die Kojen. Wir müssen fit sein. Kümmert ihr Euch bitte ums Essen, ich werde versuchen Hel zu kontaktieren. Vielleicht hat er ja Neuigkeiten für uns."
    Hagen deaktivierte die Karte, stand auf und beendete damit die informelle Sitzung. Die Anderen folgten seinem Beispiel und sofort brach hektische Aktivität an der Küchenzeile des Raums aus, als die Vier begannen eine Mahlzeit zu zubereiten.
    
    Hagen schnappte sich sein NeoCom und verließ die Küche. Zurück auf der Brücke aktivierte er die verschlüsselte Frequenz, auf die er sich mit Hel geeinigt hatte.
    "Incredible Miracle, Hel O'Ween ici. Bonjour, comme ca va? Was kann ich für Sie tun?"
    "Ich bin's, Hagen. Hast Du Neuigkeiten?"
    "Ah, mon frere, quelle plaisir! Aber nein, bisher nichts Neues. Es ist wie verhext, jeder kennt jemanden der etwas wissen könnte, der wiederum jemanden kennt ..."
    "Hmm, wie machen wir jetzt weiter? Wir sind bereit den Sprung ins LowSec zu wagen. Eine ausgiebige Mahlzeit, zwei Stunden Ruhezeit, um unsere Kräfte zu stärken. Danach soll's losgehen, so mein Plan. Ich hatte gehofft, Du hättest noch ein paar Informationen für uns, bevor wir den Sprung wagen. Eigentlich hatte ich vor unsere externen Kommunikationsblocks zu deaktivieren, um möglichst wenig erscanbare Frequenzemissionen zu erzeugen."
    "Quelle malheur, ich fürchte daraus wird nichts. Ich brauche noch mehr Zeit. Ich schwöre Dir bei unserer Mutter, ich finde etwas."
    "Gut, aber wie erfahren wir davon?"
    "Alors, wie wäre es, wenn Du mich einfach, sagen wir alle zwei Stunden, jeweils um fünfzehn nach, für fünf Minuten auf Empfang gehst. Habe ich etwas für Dich, melde ich mich in dieser Zeitspanne. Wenn nicht, deaktivierst Du die Frequenzen einfach wieder. Auf diese Weise reduzierst Du Deine Frequenzausstrahlung auf ein notwendiges Minimum. Du solltest quasi nicht erscanbar sein, solange Du nicht selbst sendest. Es sein denn es stünde ein scannendes Schiff direkt neben Dir."
    Hagen überlegte kurz. "Hmm, klingt gut. Das könnte funktionieren."
    "Très bien. Dann laß es uns so machen. Ich melde mich das erste mal in, sagen wir ... vier Stunden?"
    "Klingt gut, Hel. Bis dann."
    "Au revoir, Hagen."
    
    Nachdenklich deaktivierte Hagen das NeoCom und starrte auf den dunklen Bildschirm. Sein Halbbruder überraschte ihn immer wieder. Die vorgeschlagene Vorgehensweise zur Kommunikation reduzierte in der Tat die Gefahr, durch feindlich Kräfte entdeckt zu werden, auf ein Minimum. Ein lediglich auf Empfang eingestellter Kommunikator emissionierte nur einen Bruchteil der Frequenzen, welche zum Senden benötigt wurden. Das war kein großes Geheimnis. Jeder Raumschiffkapitän lernte diese Lektion gleich am Anfang seiner Ausbildung. Insgeheim ärgerte er sich sogar darüber, daß nicht ihm dieser Einfall gekommen war. Nur - woher wußte Hel davon? Hel war das Klischee eines Gallente. Charismatisch, einschmeichelnd - manche würden es auch 'heuchlerisch' nennen - und die geborene Krämerseele. So war es dann auch nicht verwunderlich, und in Gallentekreisen auch durchaus nicht unüblich, daß er nach der Schule kurzerhand, nach einem kleinen Praktikum im väterlichen Betrieb, ein eigenes Geschäft eröffnete. Binnen kurzer Zeit zahlte er ihrem Vater die durchaus üppige Anschubfinanzierung bereits zurück. Und seitdem stand er erfolgreich auf eigenen Beinen, was seine Geschäfte anbelangte. Was allerdings die Art seiner Geschäfte anging, bewegte er sich häufig hart am Rande der Legalität (nach eigener Beteuerung). Hagen hatte seine eigenen Ansichten zu dem Thema und war sich sicher, daß Hel diese Grenzen deutlich zu seinen Gunsten ausdehnte, getreu Hels Motto 'Nie Zögern, sonst geht Dir ein gutes Geschäft verloren'. Immerhin -  er war noch nie mit dem Gesetz in direkten Konflikt geraten. Zwar hatte es die ein oder andere Untersuchung gegeben, doch zu einer Anklage, geschweige denn einer Verurteilung, war es nie gekommen. Darauf angesprochen, schob Hel üblicherweise die Schuld 'neidischen Mitbewerbern' zu, die seinem guten Ruf schaden wollten.
    Die Frage aber blieb: woher kannte sich Hel mit Sendetechniken aus? Er hatte nie eine technische Ausbildung genossen. Im Gegenteil. Er legte ein erkennbares Desinteresse an technischen Zusammenhängen an den Tag. "Ich muß nicht wissen wie etwas funktioniert", pflegte er zu sagen. "Ich muß nur wissen das es funktioniert. Dann kann ich es verkaufen." Und nun das. Im Stile eines Spion wählte er einen sicheren Kommunikationsweg. Zum wiederholten Male fragte sich Hagen, welchen Geschäften Hel eigentlich genau nachging.
    Gerade als er die Brücke verlassen wollte, kam ein weiterer Ruf herein. Hagen runzelte die Stirn und betrachtete irritiert das NeoPad. Er überprüfte den Absender und sein Erstaunen wuchs, als dieser sich als Fed Navy identifizierte. Schuldbewußt blickte er sich auf der Brücke um. 'Verdammt, wir werden doch keine Stopschild übersehen haben', dachte er bei sich mit einem Grinsen. Er veranlaßte sein NeoPad die Authentizität der Signatur des Absenders zu überprüfen. Das Pad bestätigte die Integrität der Signatur, der Ruf kam tatsächlich von der Fed Navy. Mit einem unmerklichen Kopfschütteln nahm er den Ruf an.
    "Hagen Stein hier, was kann ich für Sie- ... Ela, du?"
    "Hallo Hagen. Ich freue mich auch Dich zu sehen."
    Verlegen kratze sich Hagen am Kopf. "Ich ... ähh ... ja, schön Dich zu sehen. Aber wie kommst Du an diese Frequenz?"
    "Hel war so freundlich."
    "Hel? Wie zum Teufel ..."
    Eladette grinste vielsagend. "Nur weil wir nicht immer überall sofort eingreifen, bedeutet das nicht das wir nicht über gewisse 'Aktivitäten' Bescheid wissen. Die Kommunikationsrechnung Deines Bruders wir sich in diesem Monat auf ein kleines Vermögen belaufen. Und der Inhalt der Gespräche war interessant genug, daß einige KIs bei MIGaF anschlugen, die wiederum mich als örtliche Systemkommandantin routinemäßig informierten. Sagen wir es so: ich habe Hel ein Angebot gemacht, welches er nicht ablehnen konnte."
    Hagen versuchte sich das Gespräch zwischen den beiden vorzustellen und beschloß insgeheim sich einmal detaillierter über den Inhalt dieses Gesprächs zu erkundigen, wenn die Gelegenheit passender war. "Wie es aussieht, hattest Du Erfolg. Laß mich raten. Du hast das nicht alles in die Wege geleitet nur um mir Hallo zu sagen."
    Das Grinsen wich aus Eladettes Gesicht und Hagen glaubte so etwas wie Besorgnis in Eladettes Augen zu erkennen. "Nein Hagen, natürlich nicht. Ich habe mich mal diskret umgehört. Informell. Leute, die mit mir auf der Akademie waren, alte Freunde meines Vaters." Hagen blickte sie fragend an. Sie zuckte entschuldigend mit den Achseln. "Schließlich hast Du meine Schwester an Bord. Ich dachte, ich könnte etwas herausfinden was für Euch nützlich ist. Und wo Dein Bruder mit seinen Methoden", sie verzog verächtlich die Lippen, "nicht weiterkommt, könnte eventuell die Autorität der Fed Navy die Leute zum Reden bringen."
    "Und? Hast Du etwas herausgefunden?"
    "Nein, nichts Konkretes. Bisher jedenfalls."
    "Hmm, und Du rufst mich an, um mir das zu sagen?"
    Eladette schüttelte den Kopf. Sie versuchte die richtigen Worte zu finden. "Ein alter Freund." Sie zögerte. "Ein alter Freund, der nun Reporter-"
    "Reporter?" unterbrach Hagen sie. "Du hast die mächtigste Informationsquelle der Federation, die Fed Navy zur Verfügung und dann bekommst Du Informationen von einem Reporter?" Fassungslos schaute Hagen sie an.
    "Es ist nicht direkt eine Information." Wieder suchte sie nach den richtigen Worten. "Es ist vielmehr eine Intuition. Hör zu", fuhr sie entschlossen fort, "dieser Reporter ist vielleicht nicht der Inbegriff von Seriosität. Aber er hatte schon immer ein untrügliches Gespür für Zusammenhänge. Dinge, die auf den ersten, zweiten und dritten Blick nichts miteinander zu tun zu haben scheinen. Er vertraut seinem Instinkt, wühlt weiter und offenbart die Zusammenhänge. Das macht ihn so erfolgreich. Und als ich ihn auf die Sache ansprach, wies er mich auf etwas hin."
    "Und das wäre?"
    Eladette druckst ein wenig herum. "Es mag nichts mit dem Tod meines Vaters zu tun haben, aber Allan, der Reporter, pfiff leise durch die Zähne, als ich ihm die Geschichte erzählte. Das Erste was er sagte war, 'Sieh an, zwei hochgestellte Persönlichkeiten sterben am gleichen Tag. Beide bei einem Unfall. Und mein Riechkolben kribbelt. Baby – das ist kein Zufall, sag' ich Dir.' Ich weiß nicht ob er recht hat. Aber es ist zumindest ungewöhnlich, da muß ich ihm zustimmen."
    "Und wer ist diese zweite Person?"
    "Du hast gestern und heute auch keine Nachrichten gesehen, stimmt's?" Hagen schüttelte verneinend den Kopf. Ela nickte. "Ich auch nicht, aber die Nachrichten sind voll davon. Reichsinquisitor Bahemetos ist tot. Und das Kaiserreich Amarr ist außer sich."
    "Bahemetos? Der Bahemetos?", fragte Hagen ungläubig.
    "Genau der. Der Sohn des Imperators."
    Hagen blickte nachdenklich drein. "OK, wir haben zwei Todesfälle. Aber was hat Bahemetos' Tod mit dem Tod Deines Vaters zu tun? Ich kann da beim besten Willen keinen Zusammenhang erkennen."
    "Ich weiß, ich auch nicht. Aber je länger Allan über die Geschichte nachdachte, um so überzeugter war er, daß hier ein Zusammenhang besteht. Ich bin gewillt ihm zu glauben."
« Last Edit: October 01, 2009, 20:36:35 by Hagen Stein »

Offline Hagen Stein

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Re: Der Tod des alten Admirals
« Reply #16 on: June 20, 2009, 16:30:43 »
   Der Eingangssensor machte sich mit einem unauffälligen orangen Blinken bemerkbar. Hel, der gerade die aktuellen Bestellungen und deren Lieferstatus überprüfte, blickte von dem NeoPad auf und schaute flüchtig auf den Überwachungsschirm, der ihm den Eingangsbereich seines Geschäfts zeigt. Fast wandte er seinen Blick wieder ab, als er seine Besucherin noch einmal genauer betrachtete. Im letzten Augenblick waren ihm die Offizierslitzen auf den Schultern der Jacke aufgefallen. Das klassisch-schöne Gesicht unter den kurzen, pagenartig geschnittenen dunklen Haaren war schwierig einem Alter zuzuordnen. Hel zoomte näher auf das Gesicht. In den Augenwinkeln und auf der Stirn zeigten sich erste Spuren kleiner Fältchen. Ihr Blick, bestehend aus einer Mischung von Melancholie, Selbstbewußtsein und Interessiertheit, schweifte systematisch suchend durch die Geschäftsräume. Ihre Kleidung, die Hel nun als Uniform der Gallente Federation Navy identifizierte, verlieh ihr eine Aura von Autorität. Der schlichte, schwarze Gehstock, auf den sie sich kaum merklich aufstützte, hatte einen silbernen Griff, der mit matarischen Stammeszeichen nachempfundenen Symbolen graviert war. Obwohl mit Sicherheit kein Ausrüstungsgegenstand der Fed Navy, unterstrich der Stock das Gesamtbild passend und verlieh ihr einen Hauch von Aristokratie. Und trotz dem schlichten und eher unmodischen Schnitt, den anscheinend alle Uniformen dieses Universums gemein hatten, ließ die Uniform sie auf interessant zurückhaltende Weise attraktiv aussehen. Erst jetzt nahm Hel auch ihre Begleiter war, zwei Offiziersanwärter, dicht hinter ihr. Außerdem hatten vor der Eingangstür zwei Soldaten auffällig unauffällig Posten bezogen. Immerhin - keine blank gezogenen Waffen, die mir die Kundschaft abschrecken, dachte Hel. Einer seiner Verkäufer hatte die neuen Besucher bemerkt und begrüßte sie. Hel nutze die Gelegenheit und aktivierte auf dem NeoPad einen unscheinbaren Agenten, dessen einzige Aufgabe es war, alle speziellen Transaktionen mit einem One Time Pad zu verschlüsseln, sie anschließend auf einen anonymen Speicherplatz auf einen der Pirate Bay-Server zu verschieben, um dann abschließend die entstanden Lücken im Transaktionsprotokoll durch unauffällig und vor allem legale Buchung aufzufüllen, die bisher noch in keinem seiner Bücher aufgetaucht war. Seine Besucher trugen zwar Fed Navy-Uniformen und nicht Fed Custom, aber sicher ist sicher. Hel vergewisserte sich, daß der Agent seine Arbeit korrekt durchführte. Dann verließ er sein Büro und ging in die Geschäftsräume seines Ladens.
   "Bonjour Madame." Hel setzte ein einnehmendes Lächeln auf. "Wie kann ich der Federation Navy zu Diensten sein?" Mit einem Nicken gab er seinem Angestellten zu verstehen, daß er sich um die neue Kundschaft kümmern würde, worauf dieser sich mit einer kurzen Verbeugung in Richtung der Besucher zurückzog.
   "Monsieur O'Ween, ich bin erfreut das der Chef sich selbst um uns kümmert. Das erspart mir die Arbeit, mich zu Ihnen durchzufragen. Angestellte können manchmal ... ermüdend ignorant ... sein", sie verdrehte die Augen, "wenn es darum geht jemanden zu ihrem Vorgesetzten vorzulassen."
   "Ähh, oui." Hel lächelte schief. Er war insgeheim sehr froh darüber den Säuberungsagenten aktiviert zu haben, ihm schwante Böses. "Madame, Sie besitzen den unschätzbaren Vorteil, daß Sie mich und meinen Namen offensichtlich bereits kennen. Wenn Sie mir das Vergnügen bereiten würden, mir Ihren Namen zu nennen?"
   "Natürlich, Monsieur. Wie unhöflich von mir. Mein Name ist Eladette Gelarbes. Stationskommandant des Federation Navy Assembly Plant in Aunia und Sicherheitschefin des dortigen Systems."
   "Nun, Madame Gelarbes, was kann ich außerhalb Ihres Zuständigkeitsbereichs für Sie tun?"
   "Außerhalb meines Zuständigkeitsbereichs", ahmte sie Hels Betonung nach, "würde bedeuten, wir befänden uns außerhalb der Gallente Federation. Falls sich in den wenigen Minuten seit meiner Ankunft hier in Oursulaert nichts geändert hat, liegt diese Station doch immer noch innerhalb der Gallente Federation, oder?"
   "Ähh, ja, natürlich. Ich dachte nur, weil sie Aunia erwähnten ...", stammelte Hel.
   "Sehen Sie, Monsieur O'Ween, diese albernen Spielchen von wegen Zuständigkeit hat die Fed Navy bereits vor langer Zeit zugunsten einer kooperativen und damit effizienteren Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Abteilungen und Einheiten aufgegeben. Ich bin hier, weil ich ein gewisses Ereignis für relevant für die Sicherheit der Federation halte. Und mir liegen Hinweise vor, daß Sie, Monsieur O'Ween, eventuell Informationen besitzen, die der Federation von Nutzen sein könnten. Ich halte Sie für einen guten und loyalen Bürger der Federation, der sicher gewillt ist, sein Wissen zum Schutze der Federation mit mir zu teilen. Mit dieser Annahme liege ich doch richtig, oder?" Sie lehnte sich mit beiden Händen auf ihren Stock und sah ihn fragend an.
   "Bien sure, Madame", bestätigte Hel eifrig nickend. "Ich wüßte nur nicht um welche Informationen es sich dabei handeln könnte."
   "Monsieur O'Ween, wäre es möglich dies an einem vertraulicheren Ort zu besprechen?", fragte Eladette und schaute sich dabei nach den anwesenden Kunden und Bediensteten im Laden um.
   "Oh, naturalment ... bitte folgen Sie mir." Mit einer einladenden Geste wies Hel in Richtung seines Büros (und hoffte dabei insgeheim, daß sein Agent die Säuberung der Akten bereits vollzogen hatte).
   Eladette und einer ihrer Begleiter folgten seiner Aufforderung, während ein anderer unauffällig Posten vor der Tür bezog und so tat, als interessiere er sich wahnsinnig für die im Regal vor ihm liegenden Imitationen von antiken Handfeuerwaffen (die echten, funktionierenden - und damit illegalen - Originale bewahrte Hel selbstverständlich an einem weniger öffentlichen Ort auf).
   Nachdem sie in Hels Büro eingetreten waren, verschloß Eladettes Begleiter wortlos die Tür, zückte einen Handscanner und überprüfte mit einer Kreisbewegung einmal das komplette Büro. "Sauber", bestätigte er nach Abschluß des Scans. Dann verließ er das Büro und postierte er sich mit verschränkten Armen vor der Tür. Hel nahm es mit einem erleichterten, innerlichen Seufzen zur Kenntnis, hatter er insgeheim doch mit einer ausführlicheren Überprüfung seines Büros und speziell seiner Computer gerechnet.
   Eladette schien seinen erleichterten Gesichtsausdruck falsch zu interpretieren. "Verstehen Sie das bitte nicht falsch. Es handelte sich dabei nicht um eine Überprüfung von Ihnen, sondern um eine Schutzmaßnahme für mich. Ich wollte sicherstellen, daß dieses Gespräch vertraulich bleibt."
   Hel nickte und bat ihr Platz auf dem bequemen Sofa in der Sitzecke an, während er sich in den Sessel gegenüber setzte. "Das klingt alles sehr geheimnisvoll und aufregend. Darf ich Sie aber zunächst fragen, ob ich Ihnen etwas zu trinken anbieten darf?"
   "Gerne. Einen Kaffee vielleicht?"
   "Einen Kaffee also," wiederholte Hel und griff zu einem NeoPad, um die Bestellung einzugeben. "Ich denke, ich werde auch einen nehmen." Wenige Augenblicke später löste sich ein ServBot aus der Wand und servierte die Getränke zusammen mit einem Schälchen Zucker einem Kännchen Kaffeesahne. Nachdem sich beide bedient hatten, lehnte sich Hel im Sessel zurück, die Tasse in der Hand haltend. "Nun, Madame Gelarbes, wie kann ich der Federation zu Diensten sein?", eröffnete er das Gespräch.
   Eladette nippte an ihrem Kaffee und wartete einen Moment bevor sie antwortete, so als ob sie ihre Worte genau abwägen müßte. "Um die Wahrheit zu sagen, Monsieur O'Ween, sie würden in erster Linie mir helfen, genauer gesagt meiner Schwester. Und erst in zweiter Linie der Federation.
   "Verstehe", murmelte Hel.
   "Die Untersuchung, die ich durchführe", fuhr Eladette fort, "ist keine offizielle Untersuchung der Fed Navy. Ich möchte aber betonen das ich, sollten sich aus dieser Untersuchung für die Fed Navy relevante Befunde ergeben, diese selbstverständlich auch den offiziellen Stellen zur Kenntnis geben werde." Eladette lächelte gequält und nippte verlegen wieder an ihrem Kaffee.
   Hel atmete innerlich erleichtert auf. Keine offizielle Untersuchung? Dann hielt er ab jetzt alle Trümpfe bei dieser Unterredung in seinen Händen. Die Aussicht auf ein lukrativen Gesprächsverlauf ließ in milden lächeln. Er beugte sich vor und stellte seine Tasse auf dem Tisch ab. Mit einem Nicken signalisierte er Verständnis. "Dann schießen Sie los, Madame Gelarbes."
   "Vielleicht sollten wir damit beginnen das Sie mich 'Ela' nennen", schlug Eladette vor.
   Überrascht zog Hel die Augenbrauen hoch. "Gerne doch, wenn Sie ... Verzeihung ... Du mich Hel nennst", stimmte er zu.
   Eladette nickte zustimmend. Und dann erzählte sie ihm die ganze Geschichte, beginnend mit dem Besuch von Captain Dumont. Nachdem sie geendet hatte, betrachtete sie ihn schweigend.
   "Dieses Vorkommnis stimmt mich traurig und sei meiner Anteilnahme für Deine Schwester und Dich versichert", beendete Hel das Schweigen. "Hagen ist zwar mein Halbbruder, doch ich verstehe nicht welche Rolle ich dabei spiele."
   Eladette seufzte. "Hel, Du weißt das ich weiß das die Fed Nay - und speziell  MIGaF - weiß, daß Du einer der größten Informationsdealer-"
   Hel wollte empört widersprechen, doch Eladette schüttelte den Kopf und gab ihm mit einer energischen Geste zu verstehen, still zu sein.
   "... Informationsdealer der Gallente Federation bist", fuhr sie fort. "Was ich Dir jetzt sage, verstößt gegen meine Verschwiegenheitspflicht als Security Agent der Fed Navy. Nimm es also als eine Art Vertrauensvorschuß und -beweis für meine folgende Bitte hin. Wir wissen seit langem von Deinen halb- und illegalen Geschäften. Da sie aber keine direkte Gefahr für die Sicherheit der Federation darstellen und Du so das Vertrauen Deiner Kunden gewinnst, von denen Du dann wiederum Informationen erhälst, lassen wir Dich gewähren. Weil wir dann so unsererseits ebenfalls an diese Informationen gelangen, die auf anderen Wegen für uns nur sehr umständlich und mit erheblich mehr Aufwand besorgt werden könnten." Sie deutet in Richtung seines Schreibtischs und lächelte verschmitzt. "Dein kleiner Agent zum Beispiel, den Du bei unserem Eintreffen aktiviert hast, schiebt die Daten auf einen von uns kompromittierten Pirate Bay-Server. Wir benötigen zwar immer eine Weile, bis wir die Verschlüsseling geknackt haben und es gelingt nicht immer - warum, daß würde jetzt zu sehr in kryptografische Details ausarten - aber in der Regel sind es keine zeitkritischen Informationen, die wir benötigen."
   Hel gefror das Blut in den Adern. All die Jahre über hatte er geglaubt, er hätte den Behörden ein Schnippchen geschlagen. Dabei hatten sie ihn in Wirklichkeit gelesen wie das sprichwörtliche offene Buch. Er wußte nicht was er sagen sollte und rettete sich in ein verlegenes Lächeln und zuckte mit den Schultern.
   Zufrieden nahm Eladette Hels Reaktion zur Kenntnis. "Bei meinem vorliegenden Problem allerdings, habe ich keine Zeit auf die Dechiffrierung zu warten. Die Sicherheit meiner Schwester und die Deines Bruders könnte davon abhängen. Und natürlich verspreche ich mir davon Aufklärung über die wahren Umstände des Todes unseres Vaters. Ich glaube genauso wenig wie Dawn an einen Unfall." Sie lehnte sich nach vorne und griff Hels Hand. "Deswegen bitte ich Dich um Deine Hilfe, Hel. Teile Deine Informationen mit mir und hilf mir damit unsere Geschwister zu beschützen. Ohne Hagen zu nahe treten zu wollen, aber er und seine Truppe sind nur ein paar einfache Freelancer. Mein Bauch sagt mir, daß die Sache eine Nummer zu groß für sie ist. Deswegen braucht er meine Hilfe." Sie sah ihm fest in die Augen. "Unsere Hilfe, Hel."
   Hel nickte kaum merklich und stierte schweigend eine Stelle irgendwo hinter Eladette an. Noch immer versuchte er das gerade Gehörte zu verarbeiten und richtig einzuordnen. Hatte er sich eingangs noch einen lukrativen Profit von diesem Gespräch versprochen, sah er nun regelrecht sein Informationsimperium in Trümmern vor sich liegen. Wer, so fragte er sich, mochte noch alles Zugang zu seinen vermeintlich ach so sicheren Daten haben? Fieberhaft ging er im Kopf die letzten Jahre seiner Geschäftstätigkeit durch, versuchte sich an Merkwürdigkeiten und Unstimmigkeiten zu erinnern. Konnte es sein, daß die Fed Navy nicht nur seine Daten mitgelesen, sondern sich auch aktiv in seine Geschäfte eingemischt hatte? Und so wie er Quellen innerhalb der Administration unterhielt (schmierte), taten es auch seine Konkurrenten. Waren so Informationen zu seinen Konkurrenten gelangt? Hatte er auf diese Weise im Rennen um einige lukrative Deals den Kürzeren gezogen? Mit Gewalt schüttelte er diese Gedanken von sich ab. Seine Paranoia war auch so schon (berufsbedingt) groß genug. Mit den sich aus Eladettes Offenbarung ergebenden Konsequenzen mußte er sich ein andermal auseinandersetzen. Jetzt galt es einen kühlen Kopf zu bewahren und sich nicht auch noch das Wohlwollen der Fed Navy zu verscherzen. Wer weiß, vielleicht ließe sich diese Geschichte am Ende sogar noch zu seinen Gunsten drehen? Der Geschäftsmann in ihm erwachte wieder. Er straffte sich. "Also gut, Ela. Was genau willst Du wissen?"

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Re: Der Tod des alten Admirals
« Reply #17 on: January 29, 2010, 01:14:15 »
   Bahemetos wartete bis die Ordonnanz den Raum verlassen hatte, dann wandte er sich dem Admiral zu. Er deutete auf einen Stuhl an dem gedeckten Tisch. "Nehmen Sie bitte Platz, Mon Admiral." Velasquez nickte zum Dank und setzte sich. Bahemetos ging zur kleinen Bar, die sich an der hinteren Wand der Kabine befand. "Einen Aperitif?"
   Velasquez schüttelte den Kopf. "Nein danke." Mit einem verlegenen Lächeln fügte er hinzu "Aber ein starker Kaffee wäre mir recht."
   Der Reichsinquisitor musterte ihn kurz mit einem eindringlichen Blick. "Sicher, einen Moment bitte." Er schenkte sich selbst einen Fingerbreit einer goldgelben Flüssigkeit aus einer Kristallkaraffe in ein Glas, trat zum Tisch und stellte es ab. Dann betätigte er eine Com-Taste. "Einen starken Kaffee in mein Quartier, bitte." An Velasquez gewandt fragte er "Milch? Zucker?"
   "Milch wäre fantastisch."
"Mit Milch bitte", vollendet Bahemetos die Bestellung. Dann nahm auch er Platz. "Ich hoffe Sie haben Appetit mitgebracht", begann er einen Small Talk, um die Zeit zu überbrücken, bis auch sein Gast mit einem Getränk versorgt war.
   "Worauf Sie sich verlassen können." Velasquez grinste schwach. "Es ist lange her, daß ich Gelegenheit hatte die amarrische Küche zu genießen. Jedenfalls amarrische Küche gekocht von einem Amarr. Es gibt natürlich auch in der Föderation jede Menge Restaurants und Imbisse, die Spezialitäten des Kaiserreichs auf der Karte stehen haben. Allerdings werden die meisten dieser Établissements nicht von Amarr betrieben. Und noch seltener trifft man einen Amarr als Koch an. Von daher hege ich den starken Verdacht, daß die 'Spezialitäten' mittlerweile dem Gallentegeschmack deutlich Tribut zollen mußten und nur noch sehr wenige Nuancen ihrer Amarrherkunft beinhalten."
   "Nun, ich fürchte, ich muß Sie enttäuschen, Mon Admiral." Bahemetos hielt inne, da in diesem Augenblick eine Ordonannz den Kaffe brachte. Nachdem die Ordonannz die Tasse Kaffee und ein kleines Kännchen Milch serviert hatte, meldete sie sich wortlos mit einem knappen militärischen Nicken in Richtung des Reichsinquisitors ab und verließ den Raum. "Wissen Sie, wie überall im Kaiserreich, wird auch an Bord unserer Schiffe das Essen von Bediensten zubereitet. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum Sie kaum Köche amarrischer Herkunft finden."
   Sklaven, schoß es Velasquez durch den Kopf, natürlich! "Ich verstehe", erwiderte er diplomatisch.
   Bahemetos nippte an seinem Aperitif, dann setzte er das Glas bedächtig ab und drehte es eine Weile gedankenverloren zwischen Daumen und Mittelfinger seiner rechten Hand. "In gewisser Weise ist dies symptomatisch für den Zustand des Kaiserreichs - und Auslöser für meinen Entschluß."
   Der Admiral nickte und rutsche unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her. Er wußte das dieses Gespräch jetzt und hier stattfinde würde, stattfinden mußte. Trotzdem hätte er es am liebsten vermieden. Er war Soldat, verdammt! Kein Diplomat und kein Beamter im Außenministerium. Auch wenn er schon seit Jahren hinter einem Schreibtisch saß und sein letzter Kampfeinsatz Jahre her war, so war er doch noch immer Soldat. Er war nicht dazu ausgebildet, diplomatische Floskeln mit dem Thronerbe eines ganzen verdammten Kaiserreichs auszutauschen. Er hielt sich zwar für einigermaßen intelligent und gebildet. Und im Laufe der Jahre hatte er gelernt unverbindlichen Small Talk mit Abgeordneten fremder Nationen zu führen. Aber - gottverdammt - nicht wenn der Verlauf des Gesprächs über Krieg und Frieden entscheiden konnte. Seine Hand zitterte als er zum Milchkännchen langte, um seinen Kaffee zu weißen. Um Zeit zu gewinnen, rührte er umständlich seinen Kaffee um und nahm dann einen großen Schluck. Alleine der Geruch weckte bereits seine Lebensgeister wieder.
   Bahemetos schien sein Unbehagen zu bemerken und auch den Grund dafür zu ahnen. Er lächelte Velasquez aufmuntert zu. "Admiral, darf ich vorschlagen, daß wir für die Zeit unseres Abendessens die Umstände unseres Treffens und die jeweiligen Positionen, die wir in unseren Staaten einnehmen, vergessen und einfach von Mann zu Mann sprechen?"
   Erleichtert nickte Velasquez. "Gerne, sehr gerne."
   "Also, wie wird die Föderation auf meinen Entschluß reagieren?", erkundigte sich Bahemetos.
   "Eine schwierige Frage. Gestatten Sie mir bitte zunächst den militärischen Aspekt zu beurteilen. Ein Mann in Ihrer Position ist natürlich wie der Jackpott. Ihre Einblicke in die Militärtechnik des Kaiserreichs, seine Logistik, seine Strategien. Die Beschaffenheit der Flotte, die Stärke der Besatzungen und deren Ausbildung. Zur Verfügung stehende Reserven, Aufmarschpläne, das alles wird ein Schlaraffenland für MIGaF sein. Man wird versuchen sie auszupressen, bis selbst eine vor langer Zeit ausgetrocknete Oase in der Wüste einem lebendigen Feuchtbiotop daneben gleicht." Er hielt inne, um die Reaktion des Inquisitors abzuwarten, doch der nickte nur stumm, also fuhr er fort. "Die Fed Navy wird wahrscheinlich Jahre brauchen, um den Fundus an Informationen sinnvoll und nutzbringend in ihre Strategien und Pläne einzubauen. Aber ich muß einem Mann in Ihrer Position wohl nicht erklären, welchen Schatz Sie darstellen. Interessanter ist aber wohl die unmittelbare Reaktion der Fed Navy ... und die der anderen Imperien. Ich will nicht das große Wort der friedliebenden Gallente Föderation schwingen. Das überlasse ich nur zu gerne den Politikern. Wahr ist aber, daß die Fed Navy im Moment keinerlei Strategien und Aufmarschpläne offensiver Natur besitzt. Wir verstehen uns als Verteidigungsflotte. Alle militärischen Pläne gehen davon aus, daß wir uns eines Agressors erwehren müssen. Je nach Szenario, Gegner, Art und Dauer des Konflikts sehen natürlich auch unsere Pläne offensive Maßnahmen vor, Gebietseroberungen eingeschlossen. Dies allerdings immer nur als Reaktion auf einen Angriff." Velasquez lächelte grimmig. "Bitte verstehen Sie das nicht falsch, Reichsinquisitor.  Wir gehen einfach davon aus, daß wir es nicht nötig haben unser Staatsgebiet militärisch zu erweitern. Wir betrachten uns als die ökonomisch stärkste Kraft. Falls notwendig und gewollt, kaufen wir uns Gebiete, sozusagen. Die Republik - Kleinstaaterei wie zu vorindustriellen Urzeiten auf Alterde. Untereinander zerstritten und getrieben von dem Gedanken Rache an ihren Peinigern zu nehmen. Caldari State - eine Oligarchie, die sich nur damit beschäftigt, ihre eigenen Privilegien gegen die Masse ihrer eigenen Bevölkerung zu sichern. Das Kaiserreich - gefangen in uralten Riten und Traditionen, elitäres Denken und der politische Einfluß der Reichskirche verhindern den Aufbau eines effizienten und schlagkräftigen Staates." Wieder hielt Velasquez inne und wartete auf eine Reaktion seines Gegenübers.
   "Fahren Sie fort, Mon Admiral. Ich teile Ihre Einschätzung bisher."
   Velasquez entspannte sich ein wenig und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. "Soweit der Status quo. Sie laufen also zu uns über. Wie werden die anderen Fraktionen reagieren? Die Matar werden jubeln. Laut, heftig und kurz. Dann werden sie sich wieder den Machtkämpfen in ihren eigenen Reihen widmen. Jeder Stamm wird wieder versuchen die Vorherrschaft in der Regierung und dabei andere Stämme für sich zu gewinnen. Am Ende werden sie alle verlieren, sollten sie sich nicht irgendwann eines Besseren besinnen. Außerdem betrachten wir sie als Verbündete. Die Republik stellt also kein Problem dar."
   "Sie denken also nicht, daß das Kaiserreich mit einem Angriff der Matar zu rechnen hätte?"
   "Möglich, aber meiner Einschätzung nach eher unwahrscheinlich. Selbst wenn - die Goldene Flotte sollte in der Lage sein, dem Herr zu werden. Eher wird Ushra'Khan versuchen die Wirren auszunutzen und eventuell eine Offensive gegen die Loyalisten in Providence starten, in der Hoffung Curatores Veritatis Alliance wäre durch das Ereignis gelähmt. Aber selbst wenn dem so sein sollte und wenn UK Erfolg haben sollte, was ich auf lange Sicht bezweifele, stellt dies keine direkte Bedrohung des Kaiserreichs dar. UK wird spätestens an den Grenzen des Reichs halt machen, sich eventuell einige Scharmützel mit der Goldenen Flotte liefern, aber darauf bedacht sein, nicht zu sehr zu provozieren, um nicht eine massive Gegenreaktion in Gang zu setzen. Das nämlich würde den relativ schnellen Verlust der neu gewonnen Gebiete bedeuten."
   "Ich verstehe."
   "Caldari State", der Admiral verzog verächtlich die Lippen. "Es ist kein Geheimnis, daß die Caldari uns lieber heute als morgen überfallen würden. Und vor zehn Jahren wäre mir bei dem Gedanken an ihre mögliche Reaktion Angst und Bange geworden. Doch heutzutage ...", Velasquez zuckte mit den Schultern. "Sie hassen uns aber sie sind abhängig von uns. Mit keiner anderen Fraktion haben wir tiefer verflochtene Handelsbeziehungen. Ironischerweise ist genau das der Grund für ihren Haß auf uns. Sie sind von uns abhängig - mehr noch als die Minmatar, die von uns Hilfslieferungen - also Almosen - beziehen, während wir mit den Caldari tatsächlich handeln. Während wir jedoch Überschüsse unserer Produktion an sie verkaufen, also auch gut ohne sie auskommen könnten, ist ihre Wirtschaft von unseren Zulieferungen abhängig. Fällt einer unserer Konvois aus, stehen die Bänder in den Mega Corporations still. Rien n'est va plus."
   "Interessant." Bahemetos schwenkte leicht sein Glas und betrachtete die goldgelbe Flüssigkeit darin. "Natürlich weiß ich um die Probleme. Ich hätte sie nur nicht als so schlimm eingestuft. Wir sind immerhin ...", er zögerte einen Moment, "... Verbündete. Ich nahm an, unsere Zahlen über die Produktivität des State seien einigermaßen genau."
   "Das mag schon sein. Allerdings sehe ich die Zahl der Schiffe, die zwischen beiden Nationen verkehren. Und ich sehe die Zollpapiere. Ich habe also einen guten Eindruck davon, was wir den Mega Corporations liefern und was wir im Gegenzug dafür importieren. Und ich habe ebenfalls sofort das Gejammer und die offiziellen Beschwerden der Caldari auf dem Tisch, falls einer unserer Konvois seinen Terminplan nicht einhält. Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen versichere, daß es in der Bevölkerung brodelt."
   "Nun gut. Aber welche Reaktion erwarten Sie?"
"Schwer zu sagen. In gewisser Weise sind die Caldari der unberechenbarste Teil der Gleichung. Zusammengenommen sind sie als Staat unser schlagkräftigster Gegner. Und würden sie auch als Staat agieren, hätte ich ernsthaft Bedenken. Das tun sie aber nicht. Stattdessen versucht jede Corporation ihren Status zu stärken, meistens auf Kosten der anderen Caldaris. In gewisser Weise sind sie den Minmatar sehr ähnlich. Und das macht sie gefährlich. Mit einem Staat, der diese Bezeichnung auch verdient, kann ein anderer Staat verhandeln. Verspricht sich allerdings eine Mega Corp, also ein paar Individuen, einen Vorteil davon, scheuen sie nicht davor zurück auch einen bewaffneten Konflikt vom Zaun zu brechen. Und, wer weiß, vielleicht schließen sich andere an. Die Caldaris gilt es jedenfalls nach meinem Dafürhalten im Auge zu behalten."
   Bahemetos bedeutet ihm mit einer Geste zu schweigen. Einen Moment später öffnete sich die Kabinentür und eine Minmatarsklavin schob einen kleinen Speisewagen herein. Wortlos und mit gesenktem Kopf servierte sie zuerst dem Reichsinquisitor das Abendessen. Velasquez versuchte einen Blick auf ihr Gesicht zu erhaschen, aber in dem gedämpften Licht konnte er nur schwer Einzelheiten erkennen. Sie legte Bahemetos von der Hauptspeise auf, knusprig angebratene Bratkartoffeln mit reichlich Speck und angeschmorten Zwiebeln. Dazu ein üppiges Stück Fleisch, Lamm oder Rind, Velasquez war sich nicht ganz sicher. Dazu eine helle Soße, die eindringlich aber nicht unangenehm nach Alkohol roch. Abschließend befüllte sie einen kleinen Salatteller mit knackig frischem, gemischten Salat, den sie mit einem nach Zitrusfrüchten riechenden Dressing verfeinerte. Dann wandte sie sich Velasquez zu und wiederholte die Prozedur. Als sie auch Velasquez versorgt hatte, hob sie den Kopf und blickte fragend zu Bahemetos. "Noch etwas, Herr?" Dieser schüttelte den Kopf und entließ sie mit einer knappen Handbewegung.
   Velasquez zuckte erschrocken zusammen, als der das Gesicht der Skalvin sah. Ein Kind, sie ist ja noch ein Kind!, durchfuhr es ihn. Und das an Bord eines Kriegschiffs. Schnell blickte er auf seinen Teller und hoffte das Bahemetos seine Reaktion nicht bemerkt hatte. Der leere Ausdruck in ihren Augen ... Vitoc. Die Droge der Amarr, um ihre Sklaven gefügig zu machen. Er hatte davon gehört. Er hatte Berichte darüber gelesen. Er hatte ehemalige Sklaven darüber berichten gehört. Aber er hatte noch nie eine Person gesehen, die offensichtlich unter dem Einfluß dieser Droge stand. Es schüttelte ihn innerlich und Wut stieg in ihm auf. Langsam atmete er tief ein und versuchte sich zu beruhigen. Er wußte nicht genau was er im Blick eines Sklaven erwartet hatte. Er hatte die Angst, die Verzweiflung, die Ohnmacht, aber auch den Haß und die Wut in den Augen ehemaliger Sklaven gesehen. Er hatte den Schmerz des Entzugs gesehen. Und den unbedingten Willen, es den Peinigern heimzuzahlen. Ähnliche Gefühle hatte er auch hier erwartet. Aber was er gesehen hatte, war fiel erschreckender. Der Körper und das Gesicht eines Mädchens an der Grenze zum Teenager. Mit den Augen und dem Blick eines Toten. Leer. Vollkommen ausdruckslos. Er räusperte sich, stand auf und deutete auf die Bar. "Wenn Sie gestatten ...?" Er brauchte dringend einen Drink.
   Bahemetos sah ihn eine Moment lang an, legte den Kopf leicht schief und nickte auffordernd in Richtung der Bar. "Nur zu, bedienen Sie sich."
   "Danke", krächzte er. Der Admiral trat an die Bar und begutachtete kurz die Getränkeauswahl. Dann entschied er sich für einen Amarrian Vodka. Er füllte ein Glas mit einer guten Portion und griff zur Eiszange.
   "Ich kann gut verstehen, daß sie der Anblick schockiert hat."
   Wie vom Donner gerührt hielt der Admiral mitten in der Bewegung inne.
   Der Reichsinquisitor nahm sein Besteck zur Hand, häufte eine Portion Bratkartoffeln auf seine Gabel und verstrich etwas Soße mit dem Messer darauf. "Lange Jahre habe ich es gar nicht wahrgenommen", fuhr der Inquisitor ungerührt fort. "Ich habe es nicht ignoriert, denn das würde bedeuten, daß ich mir darüber bewußt gewesen wäre. Man kann nur etwas ignorieren, von dem man weiß das es existiert." Er aß die Portion Kartoffeln und säbelte sich ein Stück von dem herrlich saftig gebratenen Fleisch ab. "Wissen Sie, ein Amarr nimmt Sklaven nicht wahr. Jedenfalls nicht mehr als den Teppich, auf dem er geht oder den Kleiderhaken, an dem er seinen Mantel aufhängt. Ein Sklave ist ein Ding, das einfach da ist. Man benutzt es, wenn man es braucht, schenkt ihm aber weiter keine Aufmerksamkeit." Das Stück Fleisch wanderte in seinen Mund. Er tupfte sich mit der Serviette die Lippen ab, griff zu der Wasserkaraffe auf dem Tisch und schenkte sich ein. "Wir werden nicht so erzogen. Jedenfalls nicht in dem Sinne, daß man uns als Kinder beibringt Sklaven zu ignorieren oder etwas in der Art." Er trank einen Schluck Wasser. "Nein, so ist es nicht." Er schüttelte kaum merklich den Kopf und sprach nun mehr mit sich selbst als mit dem Admiral. "So ist es nicht", wiederholte er leise. "Es ist schlimmer. Man braucht es den Kindern nicht beizubringen, weil es so selbstverständlich ist. Jede Geste, jede Regung eines erwachsenen Amarr gegenüber einem Sklaven vermittelt einem Kind die Botschaft 'Das ist kein Mensch.' Und das mit einer solchen gottgegebenen Selbstverständlichkeit ..." Er brach ab. Langsam drehte sich Velasquez um. Der Reichsinqiusitor saß mit gesenktem Kopf auf seinem Platz; seine Hände hielten das Besteck so fest umklammert, daß die Knöchel weiß hervortraten. Seine Hände bebten. Ruckartig drehte sich Bahemetos zu ihm um. "Wie können Menschen einander so etwas antun?", fragte er laut und in seinem Blick lag ein tiefer Schmerz und Verachtung. Verachtung über sich selbst und die Art wie er all die Jahre gelebt hatte. Er drehte sich wieder um und Velasquez ging zu seinem Platz zurück. Er setzte sich, entfaltet die Serviette und legte sie in den Schoß, dann räusperte er sich.
« Last Edit: January 29, 2010, 10:35:22 by Hagen Stein »

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Re: Der Tod des alten Admirals
« Reply #18 on: January 29, 2010, 01:14:32 »
   "Ich wußte nicht-"
   "Sie wußten nicht was?", unterbrach ihn Bahemetos. "Das wir auch Menschen sind? Das wir nicht alle Monster sind?", schnappte er, dann brach er ab. Er legte das Besteck hin, atmete tief ein und lehnte sich zurück. "Verzeihen Sie, Mon Admiral, ich habe kein Recht mit Ihnen so zu reden. Es ist die Scham über mein eigenes Verhalten und das meines Volks, die mich so reden läßt. Ein verzweifelter Versuch des eigenen Gewissens, jemand anderes für die eigenen Fehler verantwortlich zu machen. Diese Sklavin ... ", er unterbrach sich, schüttelte den Kopf und lachte bitter auf. "Dieses Mädchen", korrigierte er sich und deutete in Richtung Schott, durch das die Sklavin die Kabine verlassen hatte, "hat mir schlußendlich die Augen geöffnet." Velasquez sah ihn fragend an. Bahemetos legte das Besteck beiseite und schob den Teller von sich. Er blickte dem Admiral fest in die Augen. "Wußten Sie, daß wir das Vitoc von Minmatar an Minmatar verteilen lassen?" Velasquez schüttelte verneinend den Kopf. Bahemetos massiert sich langsam mit der linken Hand sein Kinn und blickte gedankenverloren an Velasquez vorbei. Wieder schien er eher zu sich selbst zu sprechen. "Sklaven, die sich selbst als Sklaven halten." Dann ruckte sein Kopf wieder zu Velasquez. "Vor ein paar Monaten kam dieses Mädchen zu mir. Wir waren zu der Zeit viel im Reich unterwegs, meine Termine änderten sich ständig. Und irgendwie ist irgendwo in meinem logistischen Stab da etwas durcheinander gekommen. Jedenfalls erreichte meinen Verwalter, auch ein Minmatar, der schon lange in den Diensten unserer Familie steht, die vorgesehene Lieferung Vitoc nicht. Zum ersten Mal in ihrem jungen Leben erhielt Nia'ra, so ist ihr Name, ihre Dosis Vitoc nicht. Ihr Geist war frei, vielleicht zum ersten Mal seit ihrer Geburt. Doch was tut sie, anstatt sich auf mich zu stürzen, mich mit allen Schimpfworten die sie kennt zu verfluchen, mir die Augen auszukratzen? Sie wendet sich voller Verzweiflung an mich. Flehentlich bittet sie um ihr Vitoc. Zum ersten Mal sehe ich echte Gefühle in ihrem jungen Gesicht. Zum ersten Mal blicken mich die Augen eines jungen Mädchens an, nicht die einer Toten. Doch anstatt Leidenschaft, Wut und Haß, sehe ich nur Angst. Angst, weil sie frei ist! Und da stand sie nun und bettelte mich an, sie wieder zum Sklaven zu machen." Bahemetos atmetet tief ein und faltete bedächtig die Hände. "Sie ist ein Kind ... und tut wie ihr geheißen. Sie wächst heran zum Backfisch ... und tut wie ihr geheißen. Sie erblüht zur Frau ... und tut wie ihr geheißen. Ihr Körper welkt langsam und unerbittlich ... und immer noch tut sie wie ihr geheißen. Dann schlägt ihr Herz ein letztes Mal, bevor sie ihre unsterbliche Seele aushaucht und den Göttern anvertraut. Und dann, nach einem gottverdammten unerträglichen Leben in Sklaverei, ist sie endlich frei." Eine einsame Träne ran über Bahemetos' rechte Wange. Er schämte sich ihrer nicht, wischte sie nicht verlegen und heimlich weg, sondern ließ sie ihren Weg bis zu seinem Kinn nehmen. "In all den Jahren wußte sie nicht einmal, daß sie eine Sklavin war, Vitoc sei dank." Wieder schüttelte er stumm den Kopf. "Aber daß wir sie versklaven ist nicht das Schlimmste, was wir den Matar antun. Das Schlimmste ist, daß sie nicht einmal wissen, daß sie Sklaven sind. Vielleicht verstehen sie in der letzten, unendlichen langen Sekunde vor ihrem Tod, was wir ihnen angetan haben. Erkennen, daß wir ihnen nicht nur ihr Leben, ihre Freiheit geraubt haben, sondern daß wir sie sogar um ihren gerechten Zorn betrogen haben. Und deswegen war das einzige Gefühl, zu dem Nia'ra in diesem kostbaren Moment in ihrem Leben, in dem sie für kurze Zeit frei war zu fühlen, zu leben, Angst. Angst vor der Freiheit. Angst vor sich selbst und ihren Gefühlen." Erschöpft ließ sich der Reichinqusitor in die Lehne seines Stuhls zurücksinken. "Das, Mon Admiral, war der Moment an dem ich meine Entscheidung traf. Der Moment, als ein lebender, fühlender Mensch mich darum bat, ihn wieder zu einem Ding zu machen."
   Velasquez war unfähig etwas zu erwidern. Hier saß er nun. Er, ein Admiral zwar, aber einer von Dutzenden und insgesamt nur ein kleines Rädchen in der großen Maschine der Federation. An Bord einer Revelation, einem der eindrucksvollsten und furchteinflößensten Schiffe in New Eden. Ihm gegenüber saß ein Mann, der mit einer bloßen Geste einem ganzen Reich befehlen konnte. Und sein Amt als Reichsinquisitor machte ihn noch dazu zu einem der mächtigsten Männer in der größten Kirche des Universums, einer Kirche, die auch außerhalb des Kaiserreichs eine große Anhängerschaft besaß. Und doch spürte Velasquez den Impuls, sein Gegenüber in die Arme zu nehmen, diesen mächtigen Mann trösten zu müssen. Zum zweiten Mal an diesem Tag hatte er das Bedürfnis, sich mit Alkohol zu betäuben. Sein Verstand raste, um das Gehörte zu verarbeiten und einzuordnen und ihm wurde schwindelig bei dem Gedanken daran was passieren konnte, wenn Bahemetos Geständnis an die Öffentlichkeit gelangte.
   Eine drückende Stille breitete sich im Raum aus und Bahemetos starrte den Admiral geradezu flehentlich an. Velasquez räusperte sich peinlich berührt. "Ich vestehe." Unsinn! Nichts verstehe ich! Verlegen fummelte er an seiner Serviette.
   Bahemetos stand ruckartig auf und ging zur Bar, um sich nachzuschenken. "Morgen werden wir aufbrechen." Der Amarr drehte sich zu dem Gallente um und lehnte sich mit dem Rücken an die Bar. Er wirkte wieder gefaßt. "Eine Aeon wird zu unserem Verband stoßen. Dann werde ich sie in einem Shuttle zu einer geheimen Amarrbasis überführen, um sie zu 'verhören'." Er lächelte grimmig. "Denn offiziell, für die Admiralität des Kaiserreichs und die Kommandeure des Dreads und des Carriers, sind Sie zu uns übergelaufen. Ein Geschwader Malediction wird uns als Aufklärung vorausfliegen. Die Aeon wird mir eine Staffel Templar als Begleitschutz überordnen. Diese Basis liegt zufällig außerhalb der Sensorenreichweite des Geschwaders. Dort angekommen, werden die Templar die Interceptoren vernichten. Und wir, Mon Admiral, werden die Grenze zur Föderation überqueren." Er prostete dem Gallente zu. "Ihr Einverständis vorausgesetzt."
   Velasquez nickte automatisch. "Ja, ja natürlich", stammelte er.
   "Sie sind doch in der Lage die Fed Navy über unsere Ankunft zu verständigen, oder?"
   "Wie- ja, ja. Auch das."
   "Gut, dann schlage ich vor, wir gehen nun zu Bett. Der Tag morgen könnte anstrengend werden." Er lächelte maliziös. "Und aufregend", fügte er hinzu.
   Wie aus dem Nichts summte die Kabinentür und nach einem kurzen Moment öffnete sie sich. Eine Ordonnanz erschien und bat Velasquez mit einer Geste, ihm zu folgen. Er erhob sich mechanisch und folgte der Ordonnanz. "Gute Nacht, schlafen Sie gut, Mon Admiral", verabschiedete ihn der Reichsinquisitor.
   Es kam Velasquez wie ein Déjà vu vor. Wieder verließ er die Kabine des Amarr. Und wieder war er zutiefst verwirrt und aufgewühlt. Er folgte der Ordonnanz durch die Gänge des Schiffs, bis dieser vor einer Kabine stehen blieb, sie öffnete und sich mit einem militärischen Gruß von ihm verabschiedete. Velasquez trat ein und betätigte den Schließmechanismus der Tür. Er ließ sich auf sein Bett sinken und begann seine Uniform auszuziehen, während seine Gedanken immer noch wild wie ein Tornado rotierend um die letzte Stunde kreisten. Dann legte er sich hin, schüttelte sein Kopfkissen zurecht, zog die Decke über sich und löschte das Licht. "Ich werde zu alt für sowas", knurrte er leise, bevor die Erschöpfung der letzten beiden Tage ihn in einen unruhigen Schlaf fallen ließ.
« Last Edit: January 29, 2010, 10:39:04 by Hagen Stein »

Offline Hagen Stein

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Re: Der Tod des alten Admirals
« Reply #19 on: December 04, 2010, 00:21:19 »
   Der Flug durch den Gallente Low Sec war zum Glück problemlos verlaufen. Zwar stießen sie am Esmes Gate in Aetree auf zwei Serpentis Fregatten, einen Coreli Agent und einen Coreli Scout, die dort auf einen unvorsichtigen Freelancer oder einen zu geldgierigen einsamen Händler warteten, doch Hagen beschloß es nicht auf einen Kampf ankommen zu lassen und stattdessen nach Esmes zu springen. Ein kurzer Check der Fed Navy-Datenbanken ergab zudem, daß das ausgesetzte Kopfgeld nur sehr bescheiden war. Kein Grund also Kopf und Kragen zu riskieren. Die Fregatten stellten zwar keine ernsthafte Gefahr für die Cyclone dar, aber Hagen wollte nicht riskieren das einer der Serpentis einen Glückstreffer landete und so den Fortgang ihrer Mission gefährdete. Auf der anderen Seite des Gates warteten erneut zwei Serpentis Fregatten; diesmal schaltete eine sogar ihre Waffensysteme auf sie auf, ließ aber schnell wieder davon ab, als Sascha ebenfalls die taktischen Scanner aktivierte und fünf Drohnen aussetzte.
Nachdem sie auf der CONCORD Station in Esmes angedockt hatten, begaben sich Dawn und Hagen zum Büro der Stationsaufsicht, um einen Reparaturhangar zu buchen. Die Abwicklung war CONCORD-üblich, gewohnt professionell und gewohnt kühl. Die Beiden saßen noch in der Lounge und warteten auf die Übergabe der Keycards, als Will die Lounge betrat.
   "Komm, ich löse Dich ab, Hagen. Du hast an Bord sicher noch einiges zu tun." Hagens verständnislosen Blick beantwortete Will mit einem kurzen Deuten in Richtung der großen Uhr, die in er Lounge hing. Hagen folgte Wills Blick. 18:02 Uhr. Noch immer verstand Hagen nicht und runzelte die Stirn. Will verdrehte verzweifelt die Augen und seufzte. "Es ist gleich Viertel nach. Mama wollte doch anrufen."
  "Mama? Ach, Mama! Natürlich." Endlich fiel bei Hagen der Groschen. Ela und Hel würden sich eventuell gleich melden. "Danke für die Erinnerung. Mama ... das hätte Ärger gegeben, wenn ich ihren Anruf verpaßt hätte." Hagen zwinkert Will zu, um ihm zu signalisieren das er verstanden hatte. Er drückte ihm das Pad mit dem Mietvertrag in die Hand und machte sich auf den Weg zurück zum Schiff.
   Will scrollte durch den Standardmietvertrag von CONCORD für die Überlassung eines Reparatur-/Ausrüstungshangars. Routiniert überflog er die Paragraphen voller Juristenkauderwelsch ohne den Details allzu viel Beachtung zu schenken. Bei CONCORD konnte man sicher sein nicht irgendwelche 'Hiermit überschrieben Sie uns Ihre Seele'-Bestimmungen im Kleingedruckten zu finden. Im Gegensatz zu einigen der windigeren Kooperationen, die Stationen im Low Sec betrieben und die ihre Dienste mit teils unverschämten Vertragsklauseln anboten. Zwar galten innerhalb der Federation einheitliche Gebührensätze für die von Stationen angebotenen Standarddienstleistungen wie Reparaturarbeiten im Dock, Hangarvermietung und medizinische Versorgung. Aber die Firma mußte erst noch gegründet werden, die, wenn sie es darauf anlegte, in dem vermeintlich lückenlosen Gesetzestext nicht ein Hintertürchen fand, um einem Schiffseigner nicht noch ein paar zusätzliche interstellare Kredits aus den Rippen zu leiern.
   Neben ihm räuspert sich Dawn. "Darf ich Dich etwas fragen, Will?" Sie beugte sich nach vorne und stütze mit beiden Armen auf ihren Oberschenkeln ab. Sie wippte nervös mit dem rechten Fuß und die Bewegung pflanzte sich als leichtes zittern durch ihren ganzen Körper fort.
   Will lächelte sie aufmunternd an. "Klar doch, schieß los."
Dawn nickte dankbar und überlegte einen Moment. "Ist das immer so bei Euch? Ich meine die Ungewissheit. Ist es jedesmal so, wenn Euch meine Schwester einen Auftrag gibt? Fliegt hier und da hin, dort gab es Berichte über Serpentis, Sansha's, Angels. Schaut Euch um, was dort los ist. Und Ihr wißt jedesmal nicht genau was hinter dem nächsten Gate, am nächsten Mond, in der Nähe der verlassenen Bergbaustation liegt?" Etwas verlegen wich sie Wills Blick aus und schaute zu Boden. Will musterte sie neugierig. Er wußte ihre Unsicherheit nicht richtig zu deuten. War es Angst, weil sie sich jetzt erst der potentiellen Gefahr bewußt wurde, in die sie sich begeben hatte. War es Aufregung oder Lampenfieber, weil sie sich nun langsam ihrem Ziel näherten? Oder war sie einfach nur verlegen, weil sie befürchtete ihre Frage sei zu persönlich? Er beschloß etwas Zeit zu gewinnen und mehr über den Grund ihrer Frage herauszufinden.
   "Naja, das kommt darauf an. Warum fragst Du?"
   "Es ist so ... anders."
   Will schaute sie fragend an. "Anders als was?"
   "Anders als ich es mir vorgestellt habe." Sie zuckte verlegen mit den Schultern und kratzte sich nachdenklich die Stirn. "Ehrlich gesagt kenne ich Euer Geschäft nur aus Elas Erzählungen und den Missionsreports, die sie für die Fed Navy nach Abschluß verfaßt. Versteh mich nicht falsch. Ich habe mich nie der Illusion hingegeben, daß Eure Aufgaben immer so einfach und gloreich verlaufen wie in diesen unsäglichen Trideo-Serien. So naiv bin ich nicht, schließlich bin ich in einem Militärhaushalt aufgewachsen. Aber Elas Erzählungen handeln immer nur vom eigentlichen Missionsziel. Nie vom Weg dahin oder dem Weg zurück zur sicheren Basis. Nie davon, daß bereits vor dem eigentlichen Auftrag wichtige Entscheidungen zu treffen sind." Sie machte mit der Hand eine vage Geste in Richtung der Stationskommandatur. "Wie zum Beispiel hier. Hier wird entschieden, welche Strategie zum Einsatz kommt. Welche Waffen benutzt werden, welche Abwehrmaßnahmen zu treffen sind. Und selbst auf dem Weg ins Einsatzgebiet kann Euch schon etwas dazwischen kommen. Wenn die Serpentis vorhin am Gate zum Beispiel keine Frigs sondern Cruiser oder Battlecruiser gewesen wären ..." Sie ließ den Satz unvollendet.
   "Hmm, so habe ich es schon lange nicht mehr betrachtet", erwiderte Will. "Meine erste Mission liegt lange zurück und das was Du beschreibst, ist mittlerweile so sehr zur Routine geworden, daß ich darüber gar nicht mehr großartig nachdenke." Er lehnte sich zurück, verschränkte die Arm vor der Brust und überlegte einen Moment. "Aber ja, es ist schon so wie Du es beschreibst. Allerdings lernst Du mit der Zeit die Unwägbarkeiten besser abzuschätzen. Womit sie keine Unwägbarkeiten mehr sind, sondern eigentlich statistisch gut unterlegte Wahrscheinlichkeiten. Das wiederum hilft dir, die potentiellen Gefahren zu minimieren. Und dann ist da noch das Bauchgefühl. Wenn Du alles wie aus dem Lehrbuch vorbereitet hast aber tief in dir drin schreit es förmlich Fehler! Irrtum!, dann laß es zu. Zieh den Schwanz ein, spring nicht durch das Gate, flieg die andere Route, die drei Systeme weiter ist. Ich habe einmal ein Sprichwort gelesen, daß es recht gut umschreibt. Entstanden auf Alterde in einem der größten Konflikte der damaligen Zeit. Als die Menschheit noch weit davon entfernt war interstellaren Raumschiffsverkehr zu betreiben. Die fortschrittlichste Fortbewegungsmethode der damaligen Zeit war das unterlichtschnelle, atmosphärische Fliegen in mit einem Verbrennungsmotor angetriebenen Gerät namens 'Flugzeug'; der Vortrieb wurde von einem Propeller erzeugt. Die schnellsten militärischen Maschinen der damaligen Zeit, Jäger genannt, erreichten Höchstgeschwindigkeiten um die 600 bis 700 km/h. Gegen Ende dieses Krieges kamen dann die ersten seriengefertigten Fluggerät mit einem Düsenantrieb zum Einsatz. Damit erhöhte sich die Geschwindigkeit auf um die 870 km/h." Will grinste breit. "Tollkühne Männer in ihren fliegenden Kisten, wenn Du so willst. Aus dieser Zeit stammt der Auspruch 'Es gibt nur zwei Arten von Piloten: ängstliche und tote'. Das trifft's ziemlich gut, wie ich finde."
   "Ich verstehe was Du sagen willst." Dawn sinniert einen Augenblick über das soeben gehörte. "Noch eine Frage: ist es sehr pervers wenn man sich vor Angst fast in die Hose macht, es gleichzeitig aber toll und aufregend findet?" Sie blickte ihn mit großen unschuldigen Augen an. Will mußte laut auflachen, wodurch er einige irritierte Blicke der Anwesenden erntete, und klopfte Dawn väterlich auf die Schulter.
   "Nein, das ist es nicht." Verschwörerisch zwinkerte er ihr zu und raunte "Schlußendlich sind wir alle Adrenalinjunkies. Wir mögen vorgeben, wir machen es wegen der ISK. Oder wegen 'the Greater Good'. Oder zu Ehren der Gallente Federation. Aber wenn die Pumpe rast und das Ziehen in den Gedärmen einsetzt, bevor du durch das nächste Gate springst oder im Asteroidengürtel aus dem Warp fällst, dann ist das unsere eigentliche Bezahlung, der wir bei jedem verdammten Auftrag hinterherrennen." Er zog Dawn ein Stück näher an sich ran und flüstert noch leiser "Aber verrate es nicht Ela. Die kürzt uns sonst noch unseren Lohn." Jetzt mußte auch Dawn leise kichern.
   "Mal sehen. Das kommt darauf an wie ihr mich weiterhin behandelt." Voller gespielter Empörung riß Will die Augen auf und boxte sie spielerisch auf den Oberarm. Dann brachen beide in schallendes Lachen aus, was ihnen wiederum einige vorwurfsvolle Blicke einbrachte.
   "Hmm, eigentlich gibt es keinen Grund das wir uns beide hier den Arsch plattsitzen." Will deutete in Richtung Uhr. "Wenn du dich beeilst, schaffst du es noch an Bord bevor Ela und Hel sich melden."
   Dawn strahlte und schmatze Will ein Kuss auf die Wange. "Danke, Will. Bis später dann."
   "Bis später", verabschiedete Will sie.

   Als Hagen den Hangar erreichte, in dem die Cyclone lag, sah er das Sascha und LI bereits damit begonnen hatten, die Panzerung des Schiffs mithilfe der Wartungsroboter zu entfernen. Die Unterzeichnung des Mietvertrags für den Hangar war nur eine Formalität und so gab es keinen Grund Zeit ungenutzt verstreichen zu lassen.
   "Alles klar, Sascha, LI?" erkundigte sich Hagen bei seinen Leuten. Ein tiefes zustimmendes Brummen seines Ingenieurs und der hochgereckte Daumen von Saschas ölverschmierter Hand waren die Antwort auf seine Frage. Ohne weitere Worte betrat er das Schiff durch die Luke und ging zur Brücke. Dort angekommen stellt er das Com auf Empfang und vergewisserte sich noch einmal, daß die richtige Frequenz eingestellt war. Er schaltete den Empfang auf Schiffslautsprecher, damit ihm Hels Anruf nicht entging und ging in die Kombüse, um sich einen Kaffee zu holen. Wieder zurück auf der Brücke stellte er den Empfang auf normal zurück. Gedankenversunken lehnte er sich zurück und nippte an seiner Kaffeetasse. Er hörte Schritte hinter sich, dann ein zartes Klopfen an die Bordwand. Als er sich umblickte, sah er Dawn in Tür stehen, die ihn mit einem fragenden Blick ansah. Er winkte sie zu sich und deutet auf den Sessel neben sich.
   "Hi. Komm rein, Dawn. Die beiden haben sich noch nicht gemeldet."
   Dawn nickte und nahm neben ihm Platz. Wie auf Kommando erwachte das NeoCom zum Leben. Auf dem Bildschirm erschienen Eladettes und Hels Gesichter. Im Hintergrund war die typische Geräuchkulisse einer Bar zu hören. Verwundert blickten Dawn und Hagen sich an.
   "Hallo ihr beiden. Wo seid ihr denn?"
   "Salut Dawn, salut Hagen. Wo wir sind? Oh, mir kam da ein nettes kleines Lokal zu Ohren. Gutebürgerliche Speisen und Getränke mit ebensolcher. Und das alles zu humanen Preisen. Trés magnific!" In dem Moment erschien Sallys Kopf hinter Ela und Hel.
   "Huhu Dawn und Hagen. Na, amüsiert ihr euch schön? Ich habe hier zwei Gäste, die behaupten Euch zu kennen." Sie zwinkert Dawn und Hagen zu. "Kennt ihr die beiden? Sehen nicht gerade vertrauenswürdig aus, wenn ihr mich fragt. Was meint ihr, sollte ich auf Vorkasse bestehen?"
   "Hi Sally. Na, komm, gib dir 'nen Ruck. Wer weiß, vielleicht sind es trotz ihres verbrecherischen Aussehens doch ganz anständige Leute ..." Dawn grinste breit.
   "Na OK, bei so einem Fürsprecher lasse ich mich mal breitschlagen. Und nun entschuldigt mich bitte. Die Leber an Tisch zwölf verlangt nach Alkohol." Das Lachen auf Sallys Gesicht verschwand und sie wurde ernst. "Was immer ihr unternehmt - und ich will gar nicht genau wissen was - paßt gut auf Euch auf, hört ihr?"
   "Geht klar, Sally. Wir können doch nicht sterben ohne ein letztes kühles Bierchen an deiner Bar."
   Ela wartete noch einen Augenblick bis Sally das Separet verlassen hatte, dann aktivierte sie den Privacy Mode und augenblicklich verschleierte ein milchiges Kraftfeld neugierigen Blicken von außen die Sicht. Gleichzeitig schirmte sie das Kraftfeld zuverlässig vor eventuellen Abhörversuchen ab. Die Nische selbst hatte Dawn schon direkt bei ihrer Ankunft auf Wanzen überprüft. Sie vertraute zwar Sally instinktiv, aber sie arbeitet auch für Fed Int. Eine gesunde Paranoia war Einstellungsvoraussetzung hierfür. Nach einem letzten instinktiven Rundumblick beugte sie sich näher zu ihrem NeoCom.
   "Hagen, wir haben ein Problem." Ihr Zeigefinger fuhr nervös den Rand ihres Bierglas nach. "Und das ist auch der Grund warum Hel und ich euch aus dem D'n'D kontaktieren. Weder Hel noch ich waren hier zuvor und ich bezweifele, daß jemand ahnen konnte, wohin wir gehen würden und vorab entsprechende Maßnahmen ergreifen konnte." Hagen runzelte ob dem Gesagten skeptisch die Stirn, während Dawn leicht verstört den Blick ihrer Schwester suchte.
   "Dieses Problem, über was reden wir da genau?", wollte Hagen wissen.
   "Nun, nach unserem letzten Gespräch habe ich Kadett Varvant die Logbücher aller Fed Navy Schiffe, zivile wie militärische, auswerten lassen. Unter einem Vorwand natürlich. Varvant glaubt, die Fed Navy versuche ihre Betriebskosten zu senken - sind schließlich alles Steuergelder -, indem sie unnötige Schiffsbewegungen komplett zu vermeiden versucht oder um Beispiel zwei Frachterflüge auf fast identischen Routen zu einem Flug zusammenfaßt. Soweit ich das beurteilen kann, hat er diese Begründung geschluckt. Seitdem er mir zugeteilt wurde, geht im der Arsch auf Grundeis. Das einzige worüber er sich Gedanken macht, ist: wie mache ich keine Fehler und falle bloß nicht negativ auf. Obwohl er keinerlei Grund dazu hat. Ich bin kein Schleifer und hielt diese vermeintliche 'Erziehungsmethode' schon immer für ziemlich ineffektiv und fragwürdig. Aber in der jetzigen Situation ...", sie zuckte mit den Achseln. "Naja, ich habe ihn in dem Glauben gelassen, daß ich ihm bei dem geringsten Fehler den Kopf abreißen werde und er sich dann seine Offizierskarriere in der Fed Navy sonstwo hinstecken kann." Sie grinste matt. "Wenn das hier alles vorüber ist, werde ich mich bei dem armen Kerl in aller Form entschuldigen müssen."  Hagen nickte verstehend. Dawn wippte nervös in ihrem Sessel.
   "Und was ist jetzt das Problem?", verlangte sie zu wissen.
   "Das Problem, ja. Also, Varvant untersuchte alle Schiffslogs. Kriterium: Flugrouten oder Cyno Jumps mit Systemen in der Nähe der Grenze zu Kaiserreich." Sie blickte sich nach Hel um, so als ob sie sich seiner moralischen Unterstützung versichern wollte und holte vernehmlich Luft. "Wir wurden fündig. Das heißt, Varvant lieferte mir einige hundert Datensätze, die meinen Kriterien entsprachen. Mehr sollte er nicht wissen. Er sollte nur das grobe Sieb sein. Das Goldnugget im Feinsand wollte ich selber finden. Und ich denke, ich habe eins gefunden. Eine Nyx war an der amarrischen Grenze, als unser Vater seinen 'Unfall' hatte. Alleine. Ohne die übliche kleine Begleitflotte." Hagen schaute Ela mit großen Augen verblüfft an.
   "Was zum Teufel macht eine Nyx alleine im High Sec an der Grenze zum Low Sec? Noch dazu Nahe der Grenze zum Kaiserreich?" Hagen schüttele ungläubig den Kopf.

Offline Hagen Stein

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Re: Der Tod des alten Admirals
« Reply #20 on: December 04, 2010, 00:35:39 »
   "Wer hat etwas von High Sec gesagt", fragte Ela trocken. "Ich sagte 'an der Grenze'. Das meinte ich wortwörtlich. Sie war im Low und hinter dem nächsten Gate lag das Imperium." Dawns Augen weiteten sich vor Schrecken.
   "Gute Güte! Welcher Volltrottel ist denn der Kapitän dieses Carriers? Sowas kann einen Krieg auslösen. Ein paar Serpentis entdecken den Carrier und versuchen ihr Glück. Der Carrier schickt Fighter raus. Die Serpents geben Fersengeld und warpen zum Amarr Gate, um sich ins Kaiserreich in Sicherheit zu bringen. Eine Patrouille der Imperial Navy steht auf der anderen Seite, die Serpentis springen zurück, die Amarr hinterher, mit heißen Waffen. Die Fighter des Carriers sind noch am Gate, registrieren die scharfen Waffen und schwupps - schon ist das schönste Scharmützel zwischen zwei Navys im Gange. Unglaublich, wie verantwortungslos dieser Kapitän gehandelt hat. Weißt du wer es war?"
   Ela schluckte trocken und nickte.
   "Carlos."
   "Carlos wer?" Erschrocken verstummte Dawn, als sie die Verbitterung in Elas Blick wahrnahm. "Doch nicht etwa Onkel Carlos?", flüsterte sie entsetzt. Ela nickte sanft.
   "Doch. Leider."
   "Verzeiht wenn ich nachfrage, muß ich diesen Carlos kennen?", wollte Hagen wissen.
   "Alors, ich denke nicht, daß du ihm jemals persönlich begegnet wärst, mon frére", erklärte Hel. "Aber höchstwahrscheinlich kennst du ihn und hast die ein oder andere Geschichte über ihn gehört. Ich hatte einmal das Vergnügen. Und trotz meiner beruflich bedingten Aversion gegenüber allen Uniformträgern, speziell wenn es sich um Föderationsuniformen handelt, machte er einen kompetenten, ja sogar sympathischen Eindruck. Was natürlich auch daran gelegen haben könnte, daß er mir bei der Gelegenheit einen Scheck, ausgestellt von der Fed Navy, über eine nicht unbedeutende Summe überreichte, bei dem ich mir zudem keine Gedanken darüber machen mußte, ob er platzt, wenn ich versuche ihn einzulösen. Dieser Carlos, den Ela meint, ist zwar 'nur' Captain, selbst heute noch. Aber wenn auch nur ein Bruchteil dessen wahr ist, was man sich über ihn erzählt, dann war und ist er einer der fähigsten Frontoffiziere der Föderation. Und bei allen Vorbehalten meinerseits gegenüber der Fed Navy - eins habe ich ihr nie vorgeworfen: das sie Dummköpfe wären. Wenn die Fed Navy also einem Mann das Kommando über das erste Großkampfschiff überhaupt anvertraut, das die Flotte jemals in Dienst stellte, dann kann man mit Fug und Recht behaupten, daß dieser Soldat weiß was er tut. Um so mehr erstaunt die Inkompetenz, die er mit dieser Aktion demonstrierte. Die Rede ist von Captain Carlos Nunez."
   "Nunez? Klar kenne ich den." Hagen strich sich nachdenklich übers Kinn. "Und Nunez soll der Kerl gewesen sein, der mit einem Carrier alleine ins Low, an die Grenze zum Kaiserreich gesprungen ist? Das klingt aber so rein gar nicht nach dem Nunez"
   "D'accord. Man sagt Nunez vieles nach, zum Beispiel das er es seit Jahren mit gezielten kleineren Verstößen eine Beförderung zum Stabsoffizier vermeidet. Mon dieu, wenn es einen aktiven Offizier gibt, der eine Beförderung verdient hätte, dann Nunez. Nur scheint er einen Schreibtischjob so sehr zu hassen, daß er die Aussicht auf ein paar Admiralslitzen und die damit einhergehenden Privilegien gerne in den Wind schießt. Womit wir ein potentielles Motiv für seine 'Geisterfahrt' hätten: seine alten Freunde von der Akademie - alle selbst seit langem im Generalstab, soweit sie noch im aktiven Dienst sind - haben ihm gesteckt, daß er mal wieder reif für eine Beförderung wäre, was er wie immer verhindern wollte."
   "Du mußt wissen, Hagen", nahm Ela den Faden auf, "daß Onkel Carlos ... Captain Nunez und unser Vater enge Freunde sind ... waren. Sie haben zusammen die Akademie besucht, gemeinsam ihr Offizierspatent gemacht und sind seit der Zeit befreundet. Nachdem unsere Mutter starb, fragte Nunez nicht viel und lavierte nicht lange rum, sondern griff Vater unter die Arme wo er konnte, um ihm und uns über die schwere Zeit zu helfen. Nunez war quasi unsere Nanny. Seit der Zeit ist er eben 'Onkel Carlos' für uns, auch wenn wir überhaupt nicht verwandt sind." Ela schüttelte langsam den Kopf. "Ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß Onkel Carlos einen solchen Fehler begeht."
   Hel hatte derweil ein Pad hervorgekramt und tippte darauf herum. "Ca c'est vrai. Nähme man den Lebenslauf und Werdegang dieses Mannes", Hel deutete auf sein Pad, "könnte man daraus 1:1 eine Dienstanweisung 'FedNavInstruct. No. 08/15 - Wie verhalte ich mich vorbildlich als Offizier der Federation Navy' erstellen. Naja, von seiner Marotte mit der Beförderung mal abgesehen." Hel scrollte auf seinem Pad durch einige Dokumente. "Nein", er schüttelte den Kopf, "nein, das paßt einfach nicht zusammen", sagte er leise.
   Wieder ergriff Ela das Wort. "Hel und ich sind diese Dokumente wieder und wieder durchgegangen. Anfangs ohne das ich Hel von der engen Beziehung zwischen unserer Familie und Carlos erzählt habe, um ihn nicht in seinem Urteil zu beeinflussen. Ich dachte, vielleicht macht mich die lange und nur von positiven Erinnerungen geprägte Beziehung zu Carlos blind für das Offensichtliche. Tja, was soll ich sagen", sie zuckte mit den Schultern. "Hel kam zu dem gleichen Schluß: eine solche Inkompetenz sieht Carlos nicht ähnlich. Erst dann habe ich Hel über Carlos und uns berichtet."
   "Oui, ma chére. Was uns zu unserer nächsten Überlegung brachte. Was ließ Sir Arthur Conan Doyle seinen Meisterdetektiv Sherlock Holmes sagen? 'Wenn Du das Unmögliche eliminiert hast, muß das was übrig bleibt - so unwahrscheinlich es auch sein mag - die Wahrheit sein.'" Hel ließ diesen Satz im Raum stehen.
   "Du meinst ...?", fragte Dawn.
   "Genau." Ela suchte Dawns Blick. "Wenn es keine Inkompetenz war - und ich denke Du stimmst mit uns darüber ein, du kennst Onkel Carlos so gut wie ich ..."
   Dawn nickte zustimmend.
   "... dann kann Onkel Carlos nur absichtlich ins Low geflogen sein. Nachdem ich diese Schlußfolgerung erst einmal verkraftet und akzeptiert hatte, fingen wir an, weitere Nachforschungen anzustellen." Ela nahm einen großen Schluck von ihrem Bier, setzte das Glas ab und lehnte sich mit verschränkten Armen zurück. "Und mir gefällt überhaupt nicht, auf was wir dabei gestoßen sind."
   Hel tippte einen Befehl in sein Pad und der Bildausschnitt mit Ela und Hels Gesichtern schrumpfte zu einem kleinen Quadrat in die linke obere Ecke des NeoComs. Auf dem restlichen Bildschirm breiteten sich Dokumente aus. Wortlos überflogen Hagen und Dawn zusammen die Titel der Dokumente. Schiffslogs, Standortmeldungen, Sprungreports von Stargates, Aufzeichnungen von Gate Sentries, Materialanforderungs- und auslieferungslisten über Jump Fuel, Soldlisten, Stationierungsbefehle, Crewbelegungen. Hagen öffnete wahllos ein paar der Dokumete und überflog den Inhalt. Dann runzelte er skeptisch die Stirn.
   Während Dawn weiter in den Dokumenten stöberte, wandte sich Hagen wieder seinem Bruder zu. "OK, ich gehe davon aus, Ihr habt etwas in diesen Dokumenten entdeckt das ihr uns zeigen möchtet."
   "Bien sure. Dawn, du entschuldigst bitte?" Dawn lächelte entschuldigend und bedeutete ihm den Bildschirm zu übernehmen. "Wie Ihr unschwer erkennen könnt, handelt es sich bei all diesem Material fast ausschließlich um unfassbar langweiligen logistischen Papierkram. Langweilig zumindest für die Mehrheit der Menschheit, die nicht mit mir die Faszination für Zahlen teilt. Für mich hingegen", Hels Augen funkelten nun vor Freude, "war es eine extrem spannende und vielleicht lukrative Lektüre." Nunmehr verriet seine Miene tiefstes Entzücken. "Ich meine, wann bekommt ein kleiner Kaufmann wie ich schon mal die Gelegenheit Einblick in eigentlich klassifizierte Versorgungslisten unserer Navy zu nehmen? Und ich habe auch schon ein paar Ideen, die ich Fed Navy Logistics bei Gelegenheit unterbreiten werde ... aber ich schweife ab. Wo war ich? Ach ja, langweilige Lektüre. Nun, als erstes versuchte Ela natürlich den Missionsbericht von Captain Nunez' Patrouille anzufordern. Als das war der Flug des Carriers nämlich eingestuft: als Standardpatrouille. Das Übliche halt. Ein wenig Reconaissance, ein paar Gefechtsübungen, damit die Crew nicht einrostet. Und Präsenz entlang der Grenze zum Low Sec zeigen, damit die Serpentis nicht übermütig werden. Aber als Ela den Inhalt des Missionsberichts einsehen wollte: rien ne vas plus! Zugriff gesperrt - Security Level nicht ausreichend."
   "Ihr könnt euch vorstellen wie überrascht ich war." Ela lehnte sich nach vorne und stellte ihr Glas auf dem Tisch ab. "Ich bin Offizier der Federal Navy Intelligence, Sicherheitschef für das System Aunia. Ich klassifiziere Berichte mit einer Stufe, die nur sehr wenigen Menschen in der Federation den Zugriff darauf erlaubt. Und mein Security Level soll für den Zugriff auf eine 08/15-Standardmission nicht hoch genug sein? Na ratet mal, wer schlagartig hellwach war?"
   "Ela kam also zu mir und berichtete mir von ihrer Entdeckung. Zusammen überlegten wir, wie wir weiter vorgehen sollten. Wie konnten wir mehr Informationen über diese Patrouille erhalten? Und wie stellen wir es an, diese Informationen zu erlangen, ohne irgendwen auf uns aufmerksam zu machen?"
"Ich wußte, daß mein Zugriffsversuch auf den Bericht protokolliert worden war. Wenn nun ich oder sonstwer erneut versuchen würde auf die Akte zu zugreifen, schlägt ein digitaler Watchdog Alarm."
 "Regel Nummer Eins in meinem Gesch ... ähh ... eines Informationsbrokers: wenn du der Biene nicht folgen kannst, weil sie womöglich sticht, folge dem Geruch des Honigs."
   Dawn mußte schmunzeln. "Den Spruch kenne ich als 'Follow the money'."
   Hel zwinkerte ihr zu. "Ja, das ist die banale, wenig prosaische Form. Aber im Grunde ist es richtig. Nur darfst du ihn nicht allzu wörtlich nehmen und nur die Geldströme untersuchen. Nimm vielmehr die Werte unter die Lupe. Und genau das haben wir getan. Und zwar von meinem Büro aus, damit die Anfragen nicht über Elas Terminal erfolgen und so letztendlich doch mit Elas Zugriffsversuch auf den Missionsbericht in Verbindung gebracht werden konnten. Zufällig war ich in der Lage noch ein paar Gefälligkeiten aus früheren Arrangements einzufordern, so das wir über eine Handvoll weniger privilegierter aber dennoch ausreichender Zugriffscodes verfügten, über die wir unsere Abfragen verschleiern konnten." Hel deutete auf den Bildschirm. "Das Ergebnis seht ihr vor euch. Terrabytes an Daten. Unmöglich das alles zu überprüfen und Zusammenhänge zu erkennen. Aber ein paar klevere Suchalgorithmen, einiges an Erfahrung in dem Metier und etwas Intuition später ...", er wischte mit seiner Hand über den Bildschirm und die Flut von Dokumenten verschwand, lediglich ein knappes Dutzend Dokumente blieb übrig, "... voilà!" Zufrieden rieb er sich die Hände. "Wir suchten nach einem Missionsbericht, wir bekamen einen. Wenn auch nicht in der üblichen Form. Liest man diese Dokumente aber auf die richtige Weise, erhält man einen Missionsbericht, wie ihn selbst der Generalstab genauer nicht erwarten könnte. Und zudem frei von jeder subjektiven Verschönerung eines egomanischen Offiziers. Wir hatten gefunden, wonach wir suchten."
   Ela legt Hel die Hand auf den Oberarm und schüttelte leicht den Kopf. "Nicht wir hatten gefunden. Hel hatte gefunden. Als ich Hel dabei zusah, wie er sich gleich einem Rudel Jagdhunde auf der Fährte eines Kaninchens durch die Berichte schnüffelte und nach und nach ein Puzzleteil zum anderen fügte, da habe ich mich gefragt, was ich all die Jahre als Geheimdienstoffizier eigentlich gemacht habe."
   Hel errötete leicht und winkte ab. "Ah, mais non, Mademoiselle."
   "Oh doch, mein Lieber. Keine falsche Bescheidenheit." Sie legte den Kopf leicht schief und musterte Hel von der Seite. "Und wenn das hier rum ist, werde ich wohl einmal intensiv nachforschen, was die Gallente Federation so alles über einen gewissen Monsieur Hel O'Ween weiß. Ich könnte mir denken, daß ich dabei Interessantes und Überraschendes erfahre."
   "Tu das, Ela", bestärkte Hagen sie. "Das würde mich nämlich auch interessieren. Alleine die Nummer mit der Kontaktaufname - 'Ruf mich nicht an - ich rufe dich an'. Wo, zum Teufel, hast du sowas gelernt?"
   "Ecoutez, mes amis!", wich Hel der Frage aus, indem er mit seinem Zeigefinger energisch auf sein Pad deutete. "Wir sollten uns auf unsere Ergebnisse konzentrieren."
   Ela nickte zustimmend. "Er hat recht, fürchte ich", seufzte sie. "Also, die Kurzfassung: offiziell war Nunez nie dort, wo er wahrscheinlich gewesen ist. Entweder sind wir total auf dem Holzweg - was ich angesichts der Masse an Fakten, die Hel zusammengetragen hat, bezweifele -, oder da lief eine Aktion, die nicht in den Büchern auftauchen soll. Und es gibt nur eine Organisation innerhalb der Navy, der dergestalt operiert: MIGaF."
   "MIGaF?" Hagen blickte sich fragen zu Dawn um.
   "Military Intelligence Gallente Federation. Der Geheimdienst der Navy", klärte Dawn ihn auf.
   "Verstehe ...", Hagen rieb sich nachdenklich den Nasenrücken. "Und was hat das mit deinem Vater zu tun?"
   "Gute Frage, keine Ahnung. Ela?"
   Ela zuckte die Schultern. "Nichts", antwortete sie nur lapidar. Nun war es an Dawn, fragend dreinzublicken.
   "Aber was ..."
   "Zu viele Zufälle." Hel hob den Zeigefinger. "Zu viele Zufälle", wiederholte er. Er stütze die Ellbogen auf den Tisch und verschränkte die Hände. "Viel zuviele Zufälle. Ein Admiral und erfahrener Pilot kracht mit einem Shuttle gegen einen Asteroiden, der Reichsinquisitor und Thronfolger stirbt zur gleichen Zeit, ein Carrier der Fed Navy macht eine Vergnügungstour durch den Low Sec, nahe dem System, in dem Euer Vater den Unfall hatte, aber nichts davon steht in den Büchern. Und zufällig ist der Kapitän dieses Schiffs ein alter Freund des Admirals ... alors, entweder steigern wir uns alle gerade hysterisch in eine Verschwörungstheorie hinein. Oder an der Sache ist etwas faul. Wenn ihr meine Meinung hören wollt: ich tippe auf Letzteres."
   "Ich teile Hels Einschätzung voll und ganz. Und das ist der Grund, warum wir euch kontaktiert haben, noch bevor ihr weiterfliegt. Ich habe ein zunehmend ungutes Gefühl bei der Sache-"
   "Wenn du glaubst, ich blase die Sache ab, hast du dich aber geschnitten", grollte Dawn.
   Eladette hob die Hand und gebot Dawn zu schweigen. "... ein zunehmend ungutes Gefühl bei der Sache", nahm sie den Faden wieder auf. "Und deshalb werdet ihr nicht mit der Cyclone weiterfliegen."
   Dawn funkelte ihr Schwester zornig an. "Ich sagte, wir machen weiter. Und wir werden weitermachen - notfalls ohne deine Hilfe!"
   "Herrje, nun laß mich doch mal ausreden. Ihr werdet nicht mit der Cyclone weiterfliegen, sagte ich. Nicht 'Ihr fliegt nicht weiter'. Hel, wenn Du so gut wärst?" Hel nickte und tippte einige Befehle in sein Pad ein. Einen Moment später öffnete sich ein neues Dokument auf dem Bildschirm an Bord der Cyclone. Hagen öffnete das Dokument, überflog es, stutzte und las es erneut, diesmal gründlicher. Überrascht blinzelte er.
   "Ähem, da ist wohl etwas schiefgegangen. Das hier ist ein Überstellungsbefehl der Fed Navy."
   Ela nickte.
   "Ein Überstellungsbefehl der Fed Navy für eine Ishtar", ergänzte Hagen den vorherigen Satz.
   Ela nickte erneut.
   "Ein Überstellungsbefehl für eine Ishtar auf meinen Namen."
Wie schon zuvor, nickte Ela auch diesmal. "Deck 12, Hangar 3." Ela blickte kurz auf Hels Pad. "Status: einsatzbereit, die Hangarcrews haben gerade die letzten Checks abgeschlossen." Sie blickte wieder Hagen an und ein grimmiges Lächen stahl sich auf ihre Lippen. "Ich schlage vor, ihr rafft Eure Sachen zusammen und wechselt das Schiff. Deine Cyclone wird mit dem nächsten Routinetransport nach Aunia überführt, der Dockmeister ist entsprechend instruiert."
   "Aber Ela", stammelte Hagen, "das ist ein Heavy Assault Cruiser der neusten Generation. Ich wußte gar nicht, daß dieser Typ schon in Dienst gestellt ist."
   Wieder lächelte Ela grimmig. "Ist er auch nicht. Dies ist offizielle ein Testflug unter Einsatzbedingungen."
   "Verstehe", murmelte Hagen.
   Ela lachte kurz auf. "Wohl kaum. Aber das ist auch irrelevant. Ein HAC bietet deutlich bessere Überlebenschancen, als deine Rostschüssel von Battlecruiser."
   "Hey, hey!", beschwerte sich Hagen.
   "Jaja, schon gut. Alt aber bezahlt, ich weiß." Ela schmunzelte. "Ändert aber nichts an der Tatsache, daß ihr in einem HAC besser aufgehoben seid. Und nun los. Hel und ich melden uns wieder wie abgemacht." Damit beendet Ela das Gespräch und ihr und Hels Gesicht verschwanden von dem Bildschirm, der nun nur noch eine 3D-Darstellung der Ishtar und des Überstellungsbefehls anzeigte.
   Hagen betätigte eine Taste des NeoComs. "Sascha, LI?" Nach einem Moment erschien Seamus' Gesicht im Display.
   "Käpt'n?"
   "Stellt die Umbauarbeiten ein, packt den Rest der Ausrüstung in den Cargo Bay, schnappt Euch Eure Sachen und begebt Euch zu Deck 12, Hangar 3. Wir treffen Euch dann dort."
   LI zog fragend die Augenbrauen nach oben, sagte aber zunächst kein Wort. Er blickte über seine Schulter, wo Sascha dabei war eine neu eingebaute 425er Autocannon II zu kalibrieren. "Sascha, einpacken, wir ziehen ab." Wieder zu Hagen gewandt, nickte LI. "Aye, aye. Treffen in Deck 12, Hangar 3."

Offline Hagen Stein

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Re: Der Tod des alten Admirals
« Reply #21 on: May 25, 2013, 12:14:24 »
So, Freunde der Nacht, was eeewiiig währt (sind ja nur sechs Jahre vergangen, seit dem Beginn der Geschichte), wird endlich gut (und fertig).

Was'n Biest!  :D

Als wir damals diese FanFic-Saketion ins Leben gerufen hatten und nach den ersten Geschichten von mir, dachte ich, es wäre doch nett wenn ich meine Crew, die ich ohne großes Nachdenken in einer der Geschichten eingeführt hatte, einen nach dem anderen in einer Kurzgeschichte vorstellen würde. Die Geschichte sollte jeweils erzählen, wie die jeweilige Person zur Crew stieß. Als erstes sollte Dawn dran sein ... und damit fing der Ärger an.

Ich weiß nicht mehr wie ich darauf kam, aber die erste Idee war schnell da: Dawns Vater stirbt, sie heuert mich an, um Nachforschungen anzustellen. Klingt einfach genug, oder? Die ersten paar Zeilen waren auch schnell geschrieben ... leider ohne irgendeine Idee zu haben, wie ich den Plot auflösen soll. Gut, das Ende war klar, weil trivial: Dawn kommt zur Crew. Aber der ganze Rest ... ?!?

Im Laufe des Schreibens (immer noch wild drauflos und ohne Plan) kamen Fragen über Fragen auf: wie und warum kommt der Vater wirklich um? Wie komme ich da hin mit der Geschichte? Und dann noch so technische "Kleinigkeiten", wie Story Continuity (die gibt es nämlich) oder ganz einfach: wie den Überblick behalten? Was bei zwo, drei Seiten noch hervorragend funktioniert, nämlich alles vorher Geschriebene nochmal durchlesen und dann "Aha, so hieß der Typ", gestaltete sich zunehmend schwieriger. Ich habe es dann zunächst mit einer Textdatei versucht, das stellte sich aber schnell auch als unpraktisch heraus, da man quasi in dem Moment, in dem man etwas Neues einführt, eigentlich sofort 'ne entsprechende Notiz machen muß. Tja ... man ist aber gerade so schön am Schreiben ...  :P

Also machte ich mich auf die Suche nach einem Texteditor, der sowas unterstützt, und siehe da, ich wurde fündig: yWriter. Kostenlose Software von einem Programmierer + Schriftsteller. Das Dinge habe ich jetzt bis zum Schluß benutzt und es hat mir tatsächlich geholfen.

So, Technik war geritzt, immer mal wieder habe ich 'nen Teil online gestellt. Und dann trat wieder ein Problem auf: ich wußte endlich wie ich den Plot auflösen wollte, doch wie kam ich dahin? Ich habe mich dann so dahingeschlängelt und gemerkt, daß ich mich eigentlich "seitwärts" bewege, anstatt "vorwärts". So 'ne Art Schreibblockade, wenn man will. Und das Ding wurde immer länger. Irgendwann habe ich dann mal aufgeschnappt, daß "echte" Schriftsteller nicht unbedingt chronologisch schreiben. "OK", dachte ich, "schlimmer geht's eh nimmer." Und dann fing ich an den (damals rührseligen und traurigen) Schluß zu schreiben. Ging auch ... irgendwie. Nur - da war dann schon das nächste Problem: ich konnte somit keine Updates mehr posten.  ;D

Lange Rede kurzer Sinn: all die Jahre ging mir die Geschichte nicht aus dem Kopf. Ich habe zwar sicher auch mal ein Jahr lang nix geschrieben, aber immer mal wieder zwischendurch 'nen Absatz oder zwei.

Jetzt an Pfingsten hat's irgendwie *Klick* gemacht und ich habe jetzt quasi meine letzte Urlaubswoche komplett mit Schreiben verbracht. Dabei habe ich oben erwähntes Ende komplett weggeschmissen, mir ist nämlich ein ganz anderer Schluß eingefallen.

Aber lest selbst.  ;D

Direkt Einstellen ins Forum spare ich mir mal, denn das Umformatieren im Forum, so das alle Einrückungen und kursiv etc. auch da sind, wo sie hingehören, dauert fast solange wie das Schreiben der Passage selbst. Deswegen die ganze Geschichte im Anhang als PDF.

Warnung! Was als Kurzgeschichte geplant war, ist dann doch eher eine Novelle geworden (80+ DIN A4-Seiten).

P.S. Wenn ich für die restlichen Crewmember genauso lange brauche, geht sich das gerade so mit meinem Renteneintritt aus.  ;)

Offline Kel Arkir

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Re: Der Tod des alten Admirals
« Reply #22 on: May 25, 2013, 13:01:52 »
downloading and reading :)

Offline Loki@Work

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Re: Der Tod des alten Admirals
« Reply #23 on: May 26, 2013, 10:48:37 »
na da bin ich ja mal gespannt :-)
ICH WAR DAS NICHT!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! achso das.......ja das war ich

Offline Muendir

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Re: Der Tod des alten Admirals
« Reply #24 on: June 17, 2013, 21:03:50 »
Woot mir ist grad der Lesestoff ausgegangen fein fein - download in progress ^^
freu mich schon!